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Wolfgang Sofsky
Prodikos: Die Namen der Götter

Prodikos aus Keos, ein Schüler des Protagoras und Lehrmeister des Sokrates, ist nicht nur durch die Parabel von Herkules am Scheideweg bekannt geworden. Er war ein Sprachanalytiker der ersten Stunde. Er untersuchte synonyme Ausdrücke auf ihre Bedeutungsvielfalt, um sie durch eindeutige Präzisierungen klarer zu machen. Es ist z.B. ein gehöriger Unterschied, ob sich jemand streitet oder zankt, ob einer geachtet oder gelobt wird, ob er Lust oder Vergnügen empfindet. Mit der Zergliederung der Begriffe, der Dihärese, verband Prodikos den Anspruch auf eine eindeutige Sprache, ähnlich modernen Versuchen einer normierten Wissenschaftssprache mit klaren Begriffen. Als Sprachanalytiker setzte Prodikos den atheistischen Agnostizismus des Protagoras fort, indem er der Frage nachging, wie Menschen dazu kamen, Götternamen zu gebrauchen. Diese Urgeschichte der Religion verlief in folgender Weise: Zunächst nannten die Menschen das, was ihnen besonderen Nutzen brachte, „Gott“, die Sonne, den Mond, die Flüsse, das Wasser (Poseidon), das Feuer (Hephaistos). Sodann wanderten Menschen umher, belehrten ihre Zeitgenossen und wurden aus Dankbarkeit zu Göttern erkoren, weil sie Fortschritte brachten, neue Gesetze oder Kulturpflanzen einführten. Das Getreide verdankten sie Demeter, den Wein Dionysos. Kult ist nichts anderes als eine Gedächtnisfeier für Nutzen und Fortschritt. Und die gegenwärtig herrschenden Götter, sie sind weder existent noch Objekt des Wissens.

© W.Sofsky 2017

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