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Wolfgang Sofsky
Anaxagoras: Kosmologischer Atheismus

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Anaxagoras wurde kurz vor 500 in Ionien geboren und führte in Athen die Philosophie ein. Da er ein Freund von Perikles war, verfolgten ihn dessen Gegner wegen Gotteslästerung. Der Kosmologe, Naturforscher und Ontologe hatte beiläufig bemerkt, der Sonnengott Helios sei, wie andere Himmelskörper, ein glühender Metallklumpen. Wenn aber die Sonne nur ein rotglühender Felsen, etwas größer als die Peloponnes, und ihre Verfinsterungen, wie auch jene des erdmäßigen Mondes, durch Beobachtung und Schlußfolgerung erklärbar sind, dann sind die Erscheinungen des Himmels keine Gotteszeichen. Auch Meteroiten hielt Anaxagoras nicht für verehrungswürdige göttliche Wurfgeschosse, sondern für Felsbrocken, die von einem Himmelskörper abgebrochen waren. Solcherart kosmologische Entzauberung erregte den Zorn der Rechtgläubigen. Um 432 nahm die Athener Volksversammlung einen Gesetzesantrag an, den der Seher, Zeichendeuter und Orakelausleger Diopeithes eingereicht hatte. Danach sollen „diejenigen, welche nicht an das Göttliche glauben oder Lehren über die Dinge am Himmel verbreiten, wegen Verletzung der Staatsordnung vor Gericht gebracht werden.“  Anaxagoras entging nur durch den Einsatz seines Freundes Perikles der Todesstrafe, erhielt eine Geldbuße und wurde des Landes verwiesen. Es war nur einer jener berüchtigten Asebieprozesse, mit denen die religiöse Gesinnungspolizei Jagd auf Ungläubige oder Atheisten machte.

© W.Sofsky 2017

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