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Wolfgang Sofsky
Diagoras von Melos: Atheismus der Tat

Diagoras von Melos gilt gemeinhin als einer der ersten Vordenker, die sich den Beinamen „Atheist“ zulegten. Der Poet zeigte seinen Unglauben nicht durch Schriften oder Verse, sondern durch Handlungen. In Samothrake soll er angesichts der Weihegeschenke an die Götter für Rettung in Seenot angemerkt haben, die Gaben wären noch weit zahlreicher, wenn alle Ertrunkenen Gelegenheit gehabt hätten, lebend noch etwas zu weihen. Votivtafeln der Geretteten beweisen nicht, daß Götter sich um die Menschen kümmerten. Denn nirgends sind die Toten dargestellt, die im Meer ertrunken sind. Wie sein Lehrer Demokrit sah Diagoras den Ursprung aller Religion in der Angst vor den Schrecknissen der Natur und Geschichte. Einmal soll er das hölzerne Abbild eines Gottes ins Feuer geworfen haben, mit den Worten, der Gott möge sich doch durch ein Wunder selbst retten. Nach den Greueln in Melos Anfang 415 a.Chr., als die Athener Stadt und Insel vollständig verwüsteten, soll Diagoras in einer öffentlichen Rede den Kult der Demeter in Eleusis angegriffen und die „Mysterien“ aufgedeckt haben. Transparenz ist das Ende aller religiösen Geheimnisse und Riten. So klagte man ihn der Gottlosigkeit an, im selben Jahr, da auch Protagoras verbannt wurde. Diagoras floh nach Korinth, dann nach Pellene. Obwohl man im ganzen attischen Seereich nach ihm fahndete, war er nicht mehr aufzufinden. In Eleusis indes war die Stele mit der Ächtung und dem Fahndungsraufruf noch viele Jahrhunderte zu besichtigen.

© W.Sofsky 2017

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