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Wolfgang Sofsky
Antiker Atheismus

Unglauben ist keine Erfindung der modernen Aufklärung. Es gab Atheismus und Agnostizismus in der griechischen und römischen Antike, es gab ihn im alten China oder im christlichen Mittelalter. Auch in archaischen Gesellschaften glaubten nicht alle an Geister oder übernatürliche Kräfte, auch wenn sie bei den Ritualen der Schamanen, Magier oder Hexen mitmachten. Nüchternheit in religiösen Fragen ist mithin keine moderne Errungenschaft. Sie war und ist eine menschliche Möglichkeit. Daß der Mensch von Natur ein homo religiosus sei, ist eine Legende, in die Welt gesetzt von Ideologen und Missionaren, die innigst glauben wollen, daß in jedem Menschenwesen ein angeborenes, gleichsam natürliches Potential fürs Christentum angelegt sei. Die Antike kennt Figuren wie Anaxagoras, Diagoras, Prodikos oder Xenophanes, von dem demnächst zu reden sein wird; sie kennt das logische Gegenargument gegen Gottesexistenzen oder –eigenschaften, sie kennt die Psychologie der Gottesfurcht oder des Priesterbetrugs, aber auch die spöttische, blasphemische Verunglimpfung der Illusionsgötter. Und sie kennt den Ketzerprozeß und die Verbannung oder Tötung der Ungläubigen. Das neuzeitliche Abendland  muß sich nicht einbilden, erst mit Giordano Bruno, Spinoza, Hume, Meslier oder den bösen Philosophen zu Paris sei der Atheismus in die Welt gekommen. Es ist fataler. Man wußte von Anbeginn, daß nichts an dem Götter- oder Gottesglaube dran ist, aber jedes Jahrhundert, jede Generation muß sich von derlei Torheit neu befreien.

© W.Sofsky 2017

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