Schlagwörter

, , ,

Wolfgang Sofsky
Bellerophon

bellerophon

Bellerophon, Sohn des Glaukos und Enkel des Sisyphos, Dompteur des Pegasos und Bezwinger der Chimaira, einem feuerspeienden weiblichen Ungeheuer mit dem Haupte eines Löwen, dem Leib einer Ziege und dem Schwanz einer Schlange, Belerophon mithin fliegt nach bewegtem Leben zum Olymp hinan, als ob er unsterblich sei. Nach der populären Legende soll Zeus eine Stechmücke entsandt haben, die Pegasos unter dem Schwanz stach, sodaß das fliegende Pferd sich aufbäumte und den übermütigen Reiter zur Erde abwarf, woraufhin Pegasos weiter gen Himmel flog, damit Zeus ihn als Träger seiner Blitze einsetzen konnte, derweil Bellerophon in einen Dornbusch fiel, lahm, blind und einsam über die Erde wanderte, die Menschen mied, bis ihn der Tod erlöste. Gemäß einer unpopulären Legende, von der Euripides in seinem Drama „Bellerophontes“, von dem allerdings nur wenige, wenngleich entscheidende Verse überliefert sind, verhielt es sich eher umgekehrt. Bevor er in den Himmel startete, sagt der frühe Atheist:

„Sagt da einer, es gebe Götterim Himmel? Es gibt sie nicht, es gibt sie nicht, wenn man sich nicht dumm auf das alte Wort verlassen will. Betrachtet es für euch selbst, bildet eure Meinung nicht nach meinen Worten! Die Tyrannis, so sage ich, tötet sehr viele und bringt sie um ihren Besitz; Tyrannen, ihre Eide brechend, zerstören Städte. Und die, die solches tun, sind glücklicher als die, die ruhig Tag für Tag die Götter verehren. Ich kenne kleine Städte, die die Götter verehren, die größeren, frevelhaften gehorchen müssen, durch die zahlenmäßige Überlegenheit des Heeres besiegt. Wenn einer von euch faul wäre, aber zu den Göttern betete und nicht selbst für seinen Lebensunterhalt sorgte… und schlimme Unglücke lassen Religion groß wie ein Turm werden.“ (Euripides Fr286 N2)

Bellerophon fliegt mit Pegasus zum Himmel, um die Götter mit ihrer Ungerechtigkeit zu konfrontieren – der Himmelsritt als Göttertest. Zeus aber schickt einen Blitz, sodaß Bellerophon tödlich verwundet vom Pferd fällt. Die Götter existieren – unzweifelhaft -, aber sie sind ungerecht und Urprung alles Bösen. Lange währte der Expertenstreit, ob der Dichter sich selbst in der Figur äußert, was bei Euripides nicht selten ist, und ob des Zeusens Blitzstrahl nur ein Zugeständnis des Atheisten an den offiziellen Götterglauben war. Da Atheisten indes seit je zu den wenig beliebten Zeitgenossen gehören, hat die altphilologische Exegese meist an der Trennung von Autor und Figur festgehalten, ja, den Dichter zu einem Frömmling umgedeutet, der den Ungläubigen Bellerophon die gerechte Strafe erleiden läßt. Immerhin war Euripides die radikale Religionskritik nicht fremd: Entweder sind die Götter allmächtig und ungerecht, oder sie sind gerecht, aber nicht allmächtig. Wenn sie jedoch nicht allmächtig sind, so sind sie keine Götter. Und wenn sie ungerecht sind, sind sie ebenfalls keine Götter.

© W.Sofsky 2017

Advertisements