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Wolfgang Sofsky
Lukrez: Schöpfungswerk

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In seinem Werk „Über die Natur der Dinge“ erörtert der römische Epikureer Lucretius auch die Frage, weshalb Götter die Welt erschaffen haben sollen. Nur derjenige ist an einem Wechsel der Lage gelegen, dem sein Leben mißfällt. Gelüste nach Erneuerung kommen erst auf, wenn der alte Zustand als mißlich empfunden wird. Haben sich die Götter derart gelangweilt, waren sie so verdrossen ob ihres Lebens, daß sie auf einmal den Drang verspürten, die Welt zu erschaffen? Die Erschaffung der Welt – eine Maßnahme göttlicher Selbsttherapie? Noch wichtiger als die Untiefen der Götterseele ist jedoch das logische Problem. Falls Götter Bestandteil der Welt sind, wie stellen es Götter an, aus dem Zustand der Nichtexistenz sich selbst Existenz zu verschaffen. Denn indem sie die Welt erschufen, erschufen sie zugleich sich selbst. Sie waren nichts und wollten etwas werden. Wie aber kann aus nichts etwas werden? Und wie können Götter, gleich welcher Konfession, sich selbst erschaffen, wenn es sie gar nicht gibt? Womöglich fühlten sie sich zur Schöpfung bemüßigt, weil sie den Zustand der eigenen Nichtexistenz als etwas defizitär empfanden. Wer nicht ist, fühlt auch nichts, am wenigsten sich selbst. Aber wer nicht ist, der hat überhaupt keine Gefühle, auch keine, sich selbst betreffend. Er existiert gar nicht. In der bewährten Übersetzung von Hermann Diels heißt es im fünften Buch von Lukrezens „Natur der Dinge“:

„Welches Ereignis verlockte die vordem ruhigen Götter
Noch so spät zu dem Wunsche ihr früheres Leben zu ändern?
Denn mich dünket, nur dem kann ein Wechsel der Lage genehm sein,
Welchem die alte mißfällt. Doch wer nichts Schlimmes erfahren
In der vergangenen Zeit, wo er glücklich sein Leben verbrachte,
Was nur konnte in dem das Gelüst der Neuerung wecken?
Oder war etwa vorher ihr Leben voll Dunkel und Trübsal,
Ehe die Schöpfungsstunde das Licht in der Welt hat entzündet?
Oder was brächte denn uns, nicht geschaffen zu werden, für Übel?
Freilich wer einmal geboren, der wird auch im Leben noch bleiben
Wollen, solang‘ er behält des Daseins wonnige Freude.
Doch wer nimmer gekostet des Lebens Freude, wer nie ward
Mitgezählt, was schadet es dem, wenn er nie ward geboren?“

© W.Sofsky 2017

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