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Wolfgang Sofsky
Götter – sensibel

Götter sind den Menschen überlegen. Sie können mehr, sie sehen mehr, hören mehr, riechen besser als die Menschen. Vermutlich haben sie nicht nur empfindlichere Nasen, schärfere Augen und offenere Ohren. Es liegt in ihrer Natur, daß sie noch über andere Sinne verfügen als die Menschen. Die Welt der Götter ist eine Welt voll sinnlicher Sensationen, von denen die Menschen noch nie etwas gehört, gesehen oder gerochen haben. Aber jede Sensation, jede Affizierung ist eine Form der Verletzlichkeit durch äußere Einflüsse. Wenn die Götter den süßesten Met schmecken können, dann müssen sie auch das bitterste Gebräu schmecken, den lautesten Krach hören, den bestialischsten Gestank riechen, Reize mithin, von denen die Menschen dank ihrer bescheidenen sinnlichen Ausstattung verschont bleiben. Die Götter sind mithin weitaus reizbarer, verletzlicher durch Vorkommnisse, die nicht ihrer Kontrolle unterliegen. Kräfte können ihnen eine Pein bereiten, von denen die Menschen weder Begriff noch Vorstellung oder Erfahrung haben können. Wenn die Götter also den Menschen überlegen sind, dann sind sie Kräften ausgeliefert, die zu ihrem Verfall führen. Sind die Götter jedoch nicht verwundbarer als die Menschen, dann ist ihre sinnliche Ausstattung schlechter als diejenige der Menschen. Aber wenn sie den Menschen, was ihre Sinnlichkeit anlangt, nicht überlegen sind, dann sind sie auch keine Götter.

© WS 2017

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