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Wolfgang Sofsky
Sextus Empiricus: Gotteszweifel

sextus-empiricus

Im „Grundriß der pyrrhonischen Skepsis“ führt Sextus Empiricus auch einige Argumente wider die Existenz eines Gottes an. Erstens ist ein Gott als solcher gar nicht denkbar; zweitens wäre er, sofern er denkbar wäre, keineswegs beweisbar, weder durch Verweis auf Offenbares noch auf Verborgenes; und schließlich besteht das notorische Problem der Theodizee. Die Beweisführung richtet sich gegen alle Dogmatiker, die Erzfeinde der Skepsis, wobei als Dogmatiker keineswegs nur religiöse Schriftgelehrte gelten, sondern alle, welche die Methode des skeptischen Zweifels abbrechen, um irgendetwas für gewiß halten zu können. Verfaßt wurde die Schrift ca. 180 -200 p. Chr. Sie gilt als ausführlichste Quelle für die pyrrhonische Skepsis. Im einzelnen lauten die Argumente aus Buch 3, 2-12 (Ü: M.Hossenfelder) wie folgt:

„[2] Da nun die Mehrzahl Gott die wirksamste Ursache nennt, so will ich zunächst Gott betrachten, nachdem ich vorausgeschickt habe, daß wir zwar, dem täglichen Leben folgend, undogmatisch Götter annehmen und Götter verehren und ihre Vorsorge gelten lassen, daß wir aber gegen die Voreiligkeit der Dogmatiker folgendes anführen:

Von allen Dingen, die wir denken, müssen wir die Substanz denken, z. B. ob sie körperlich sind oder unkörperlich. Aber auch die Gestalt; denn man könnte kein Pferd denken, ohne vorher die Gestalt des Pferdes kennengelernt zu haben. Ferner muß das Gedachte an irgendeinem Ort gedacht werden.

[3] Da nun von den Dogmatikern die einen behaupten, der Gott sei körperlich, die anderen, er sei unkörperlich, und die einen, er habe Menschengestalt, die anderen, er habe sie nicht, und die einen, er befinde sich an einem Ort, die anderen, er tue es nicht, und von denen, die ihn an einem Ort sein lassen, die einen, er sei innerhalb der Welt, die anderen, er sei außerhalb – wie sollen wir da einen Begriff von Gott bekommen können, da wir weder eine anerkannte Substanz von ihm haben noch eine Gestalt noch einen Ort, an dem er sich befände? Vorher nämlich mögen jene sich einig werden und zu einer Übereinstimmung gelangen, daß der Gott so und so beschaffen sei, dann mögen sie ihn uns beschreiben und dann erst verlangen, daß wir einen Begriff von Gott bekommen. Solange sie sich aber unentscheidbar streiten, haben wir von ihnen nichts, was wir anerkanntermaßen denken können.

[4] „Aber“, sagen sie, „denke dir etwas Unvergängliches und Seliges und glaube, daß dies der Gott sei.“ Das ist jedoch naiv. Denn wie derjenige, der Dion nicht kennt, auch dessen Akzidenzien nicht als Dions Akzidenzien denken kann, so können auch wir, da wir die Substanz des Gottes nicht kennen, nicht dessen Akzidenzien denken und verstehen.

[5] Außerdem mögen sie uns sagen, was das Selige ist: ob das, was tugendgemäß wirkt und für das ihm Untergeordnete vorsorgt oder das, was untätig ist und weder selbst Unannehmlichkeiten hat noch einem anderen bereitet. Denn auch hierüber sind sie in unentscheidbaren Widerstreit geraten und haben uns dadurch das Selige undenkbar gemacht und deswegen auch den Gott.

[6] Mag der Gott aber auch gedacht werden können, so muß man sich doch notwendig darüber zurückhalten, ob es ihn gibt oder nicht, im Sinne der Dogmatiker. Denn die Existenz des Gottes ist nicht offenbar. Wenn er sich nämlich von sich aus zeigte, dann würden die Dogmatiker darin übereinstimmen, wer er ist und von welcher Art und wo. Der unentscheidbare Widerstreit aber hat bewirkt, daß er uns verborgen zu sein scheint und beweisbedürftig.

[7] Wer nun beweisen will, daß es Gott gibt, der hat den Beweis durch Bezugnahme entweder auf Offenbares oder auf Verborgenes zu führen. Durch Bezugnahme auf Offenbares gelingt dies in keiner Weise. Denn wenn das die Existenz Gottes Beweisende offenbar wäre, dann müßte auch die Existenz Gottes offenbar sein, da sie mit dem sie beweisenden Offenbaren zusammen erkannt würde; denn das Bewiesene wird bezogen auf das Beweisende gedacht, weshalb es auch mit ihm zusammen erkannt wird, wie ich gezeigt habe. Die Existenz Gottes ist aber nicht offenbar, wie ich dargetan habe. Also wird sie auch nicht durch Offenbares bewiesen.

[8] Aber auch nicht durch Bezugnahme auf Verborgenes. Denn das Verborgene, das die Existenz Gottes beweist, bedarf eines Beweises, und wenn es durch Offenbares bewiesen werden soll, dann ist es nicht mehr verborgen, sondern offenbar. Also wird das Verborgene, das die Existenz Gottes beweist, nicht durch Offenbares bewiesen. Aber auch nicht durch Verborgenes. Denn wer das behauptet, gerät in einen unendlichen Regreß, da wir immer wieder einen Beweis für das Verborgene fordern, das zum Beweis des vorher angeführten angebracht wird. Also läßt sich die Existenz Gottes nicht aus etwas anderem beweisen.

[9] Wenn sie aber weder aus sich selbst offenbar ist noch aus etwas anderem bewiesen wird, dann ist unerkennbar, ob es Gott gibt.

Ferner ist noch folgendes zu sagen: Wer die Existenz Gottes behauptet, der sagt entweder, dieser sorge für die Dinge in der Welt, oder, er tue es nicht, und wenn er vorsorge, dann entweder für alle oder nur für einige. Wenn er für alle vorsorgte, dann gäbe es weder Schlechtes noch Schlechtigkeit in der Welt. Von Schlechtigkeit sollen aber alle Dinge voll sein. Also wird man nicht behaupten, der Gott sorge für alle Dinge.

[10] Wenn er aber nur für einige vorsorgt, warum sorgt er dann für die einen, für die anderen aber nicht? Entweder will und kann er für alle Dinge vorsorgen, oder er will zwar, kann aber nicht, oder er kann zwar, will aber nicht, oder er will weder noch kann er. Wenn er sowohl wollte als auch könnte, dann würde er für alle Dinge vorsorgen. Er sorgt aber nicht für alle Dinge wegen des oben Gesagten. Also trifft es nicht zu, daß er für alle Dinge sowohl vorsorgen will als auch kann. Wenn er zwar will, aber nicht kann, dann ist er schwächer als die Ursache, derentwegen er nicht für die Dinge vorsorgen kann, für die er nicht vorsorgt.

[11] Es verstößt jedoch gegen den Gottesbegriff, daß er schwächer als etwas sein soll. Wenn er für alle Dinge zwar vorsorgen kann, aber nicht will, dann müßte man ihn für mißgünstig halten, und wenn er weder will noch kann, dann ist er sowohl mißgünstig als auch schwach, was nur Frevler von Gott behaupten. Also sorgt der Gott nicht für die Dinge in der Welt. Wenn er aber für nichts Vorsorge trifft und es kein Werk von ihm gibt und auch keine Wirkung, dann vermag man nicht zu sagen, woher erkannt wird, daß es Gott gibt, wenn er doch weder aus sich selbst erscheint noch durch irgendwelche Wirkungen erkannt wird. Auch deswegen also ist unerkennbar, ob es Gott gibt.

[12] Hieraus folgern wir, daß diejenigen, die die Existenz Gottes mit Sicherheit behaupten, womöglich zum Frevel gezwungen werden. Wenn sie ihn nämlich für alle Dinge vorsorgen lassen, behaupten sie, der Gott sei Urheber von Übeln. Lassen sie ihn aber nur für einige Dinge oder sogar für nichts vorsorgen, dann werden sie gezwungen, den Gott entweder mißgünstig oder schwach zu nennen. Das aber ist offenkundig Frevel.“

© WS 2017

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