Schlagwörter

, , ,

Wolfgang Sofsky
Lukrez:  Ursprung der Gottesverehrung

lukrez

Obwohl der Götterglaube keiner logischen oder argumentativen Prüfung standhält, glauben viele Menschen unverdrossen an ihre Götter, verehren sie, beten sie an und verfolgen diejenigen, die derlei Aktivitäten für Zeitverschwendung, Torheit, Unfug oder Selbstverdummung halten. Die Quellen der Religion versiegen nicht. Auch die besten Erklärungen für vermeintlich Unerklärliches, auch der Nachweis logischer, begrifflicher Inkonsistenzen, auch die Aufklärung unbewußter Wünsche, Sehnsüchte, Ängste hat nur begrenzten Erfolg. So liegt es nahe, den Ursprüngen der Gottes- und Geisterverehrung, die auf dem Globus gar vielfältige Blüten getrieben hat, nachzugehen. Lukretius, der römische Epikureer, Zeitgenosse Ciceros, Caesars und Catulls, fragt im fünften Buch des Lehrgedichts „De rerum natura“ (V,1161-1240), „woher in den Menschen der heilige Schauer gepflanzt ward, der jetzt überall noch auf dem Erdkreis Tempel auf Tempel Göttern errichtet und zwingt, sie an festlichen Tagen zu feiern“? Am Anfang waren es Traumgestalten, denen die Menschen Gefühle und erhabene Worte zuschrieben, riesige Kräfte, ewiges Leben, Unbesiegbarkeit und Wundertätigkeit. Dann erkor man diese Figuren zu kosmischen Bewegern:

„Und wie die Jahreszeiten in ständigem Wechsel sich drehten,
Ohne daß ihnen der Grund für diese Erscheinungen klar ward.
Und so flüchteten sie zu den Göttern, vertrauten sich ihnen,
Deren Geheiß und Wink, wie sie glaubten, die Welten regiere.
In den Himmel verlegen sie Tempel der Götter und Wohnsitz,
Weil auch Sonne und Mond durch den Himmel schienen zu wandeln,
Mond und Tag und Nacht und der Nacht tiefernste Gestirne
Und die nächtlichen Fackeln des Himmels und fliegenden Flammen,
Wolken und Tau und Regen und Schnee, Wind, Hagel und Blitze,
Rasend heulender Sturm und gewaltig drohender Donner.
0 unseliges Menschengeschlecht, das solches den Göttern im
Zuschrieb, ja ihnen gar der Zornwut Bitterkeit beigab!…
Frömmigkeit ist es mitnichten, verhüllten Hauptes ein Steinbild
Zu umwandeln und opfernd an alle Altäre zu treten
Oder zur Erde zu fallen der Länge nach oder die Hände
Zu den Tempeln der Götter zu heben und reichliches Tierblut
Ihren Altären zu weihn und Gelübd‘ an Gelübde zu reihen,
Sondern mit ruhigem Geiste auf alles schauen zu können…

Nicht Frömmigkeit und Götterverehrung ist die angemessene Einstellung zu den erstaunlichen Phänomenen der Natur, zu den übermächtigen Widerfahrnissen, sondern die theoretische Einstellung, die Theoria, das meditierend analytische Betrachten und Erforschen der realen Kräfte. Dies erspart auch die furchtsame Frage, ob irgendwann einmal eine Schöpfungsstunde der Welt schlug, ob es göttlicher Willkür und Macht obliegt, wie lange die Welt dauert, ob sie irgendwann untergeht oder ob die göttliche Gnade für ewigen Schwung der Gestirne sorgt. Die Frömmelei indes, sie betrachtet die Natur nach Maßstäben der Gesellschaft. Sie projiziert die Erfahrung sozialer Macht auf die Bewegungen der Natur. So bleibt den Menschen nur Zittern und Zagen, blinde Hoffnung, Wunderglaube – und Angst.

„Und: wem krampft sich das Herz nicht aus Angst vor den Göttern zusammen,
Wem fährt nicht ein entsetzlicher Schreck in die Glieder, wenn plötzlich
Furchtbarer Blitzeinschlag die vertrocknete Erde erschüttert,
Während des Himmels Gewölbe durchrollt der grollende Donner?
Zittern nicht ganze Völker alsdann? Erfaßt nicht der Schrecken
Stolzer Könige Glieder, so daß sie in Angst vor den Göttern
Fürchten, es nahe die Stunde, in der sie für scheußlichen Frevel
Oder tyrannischen Spruch die Bestrafung müßten erwarten?

Doch alle Gebete sind vergebens, zumal der Blitzgott noch nie bei gutem Wetter seine Pfeile entsandt hat. Kein Gott bewahrt den Menschen vor dem Tod. So gering ist seine Wunderkraft, daß er über das natürliche Ende nicht bestimmen kann. Der Gottesglaube indes verkleinert den Menschen und vergrößert seine Illusionen ins schier Unermeßliche.

© W.Sofsky 2017

Advertisements