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Wolfgang Sofsky
William Byrd: Tristitia et anxietas

byrd

William Byrd, Zeitgenosse Shakespeares und gelegentlich als der „englische Palestrina“ bezeichnet, über dessen Werk zwischen den Religionen vieles gesagt wurde, bemerkte in der Vorrede zu Psalms, Songs, and Sonnets (1611), seiner letzten Sammlung englischer Lieder, über die Kunst der Aufführung – und die Kunst des musikalischen Hörens:

„Nur diesen einen Wunsch hege ich: daß der Hörer ebensoviel Sorgfalt darauf verwenden möge, (meine Stücke) gut ausgeführt zu hören, wie ich auf die Komposition und Korrektur verwendet habe. Andernfalls muß das schönste Lied, das je geschrieben ward, herb und unerquicklich klingen … Auch kann man einen recht kunstvoll komponierten Gesang beim ersten Hören nicht gut erfassen und verstehen; je häufiger ihn man jedoch hört, desto mehr Gefallen wird man daran finden.“

Es gibt mithin eine Kunst des Hörens, die dem Faden der Worte und Töne nachspürt und die wecheselnden Klänge in sich erklingen läßt. Diese Kunstfertigkeit verlangt Zeit, Geduld, manchmal Sachkenntnis, Konzentration – Sorgfalt, auch die Sorgfalt des Gemüts, welche dafür sorgt, daß das Gehörte einsinkt. Man versuche es einmal mit folgenden, für heutige Ohren etwas fremden Klängen. Aus Byrds erstem Buch der sacrarum cantionum für fünf Stimmen von 1589 stammt die lateinische Motette „Tristitia et anxietas“, eine meditative Lamentation, die auch ohne Verständnis des heiligen Textes durch ihr schwebendes Pathos das Gemüt des Hörers affiziert, zumal in einer sorgfältig-meisterhaften Präsentation wie jener der Tallis Scholars:  https://www.youtube.com/watch?v=OBGUN5fENrQ

© WS 2017

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