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Wolfgang Sofsky
Friedrich Schiller: „Ausleerungen des Tränensacks“

schiller

In seiner ästhetischen Grundschrift „Über das Pathetische“ (1793) geißelt Friedrich Schiller nicht nur die Darstellung der peinlichen Passion, die blutrünstige Vorführung des Schmerzes und Leidens, die den Sinn bloß quält, ohne zugleich den Geist mit einem Gedanken zu entschädigen, sondern auch die Darstellung der wollüstigen Passion, die den Affekt erschlaffen und schmelzen läßt. Jede Kunst, welche den Namen verdient, bedarf einer gehörigen Portion Leid und Pathos, damit sich der Widerstand der Freiheit regen kann. Rührseligkeit indes treibt das Subjekt unter sein Niveau. Schiller beschreibt diese ästhetische Wirkung am Exemplum musikalischen Wohllauts. Man kann diese Diagnose unschwer auf die Literatur, ja, auf die Neigungen und Vorlieben einer kollektiven Mentalität übertragen, die das Angenehme, Empfindsame, das „trunkene Auge“ hochschätzt und diese sensorische Reizung sogar mit einer moralischen Haltung verwechselt.

„Die schmelzenden Affekte, die bloß zärtlichen Rührungen, gehören zum Gebiet des Angenehmen, mit dem die schöne Kunst nichts tun hat. Sie ergötzen bloß den Sinn durch Auflösung oder Erschlaffung und beziehen sich bloß aufden äußern, nicht auf den inneren Zustand des Menschen. Viele unsrer Romane und Trauerspiele, besonders der sogenannten Dramen (Mitteldinge zwischen Lustspiel im Trauerspiel) und der beliebten Familiengemälde gehören in diese Klasse. Sie bewirken bloß Ausleerungen des Tränensacks und eine wollüstige Erleichterung der Gefäße; aber der Geist geht leer aus, und die edlere Kraft im Menschen wird ganz und gar nicht dadurch gestärkt. Ebenso, sagt Kant, fühlt sich mancher durch eine Predigt erbaut, wobei doch gar nichts in ihm aufgebaut worden ist. Auch die Musik der Neuem scheint es vorzüglich nur aufdie Sinnlichkeit anzulegen und schmeichelt dadurch dem herrschenden Geschmack, der nur angenehm gekitzelt, nicht ergriffen, nicht kräftig gerührt, nicht erhoben sein will. Alles Schmelzende wird daher vorgezogen, und wenn noch so großer Lärm in einem Konzertsaal ist, so wird plötzlich alles Ohr, wenn eine schmelzende Passage vorgetragen wird. Ein bis ins Tierische gehender Ausdruck der Sinnlichkeit erscheint dann gewöhnlich auf allen Gesichtern, die trunkenen Augen schwimmen, der offene Mund ist ganz Begierde, ein wollüstiges Zittern ergreift de ganzen Körper, der Atem ist schnell und schwach, kurz alle Symptome der Berauschung stellen sich ein: zum deutlichen Beweise, daß die Sinne schwelgen, der Geist aber oder das Prinzip der Freiheit im Menschen der Gewalt des sinnlichen Eindrucks zum Raube wird. Alle diese Rührungen, sage ich, sind durch einen edeln und männlichen Geschmack von der Kunst ausgeschlossen, weil sie bloß allein dem Sinne gefallen, mit dem die Kunst nichts zu verkehren hat.“

© WS 2017

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