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Wolfgang Sofsky
Friedrich Schiller: Krieg und Religion

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Vermeintlich aufgeklärte Gemüter möchten glauben machen, die Kriege der Gegenwart hätten nichts, aber auch gar nichts mit Religion zu tun. Es ginge nur um Öl, Macht, Beute oder Ehre. Und es seien nur irregeleitete, gekränkte, unterprivilegierte Subjekte, die sich in die Kampfverbände des radikalen Islam einreihen, Fälle für die Psychiatrie oder fürs Sozialamt, fernab jeden wahren Glaubens, fernab jeder Religion, die ja, so meinen die vermeintlich abgeklärten Hilfsgeister in der lutheranischen Tiefebene, zuletzt in Friedensgesinnung ihre Heimat hat und nicht auf den Schlachtstätten des Schreckens. Friedrich Schiller, bekanntlich nicht nur Mediziner, Dichter, Philosoph und Menschenkenner, sondern auch Historiker, zumal des 30jährigen Krieges, wußte es besser: „Schwärmerei berechnet nie, was sie aufopfert.“  Der Enthusiasmus der Individuen und der Massen überspringt den Kalkül der Selbsterhaltung. Politik bedient sich nicht länger der Religion, Religion wird zur Politik. Sie macht opferbereit, sie vergeudet alles für nichts. Im ersten Buch zur „Geschichte des Dreißgjährigen Krieges“ (1790) heißt es über den Religionsenthusiasmus:

„Nur gegenwärtige Vorteile oder gegenwärtige Übel sind es, welche das Volk in Handlung setzen; und diese darf eine gute Staatskunst nicht abwarten. Wie schlimm also für diese Fürsten, wenn nicht zum Glücke ein anderes wirksames Motiv sich ihnen dargeboten hätte, das die Nation in Leidenschaft setzte und einen Enthusiasmus in ihr entflammte, der gegen die politische Gefahr gerichtet werden konnte, weil er in dem nämlichen Gegenstande mit derselben zusammentraf! Dieses Motiv war der erklärte Haß gegen eine Religion, welche das Haus Österreich beschützte, die schwärmerische Anhänglichkeit an eine Lehre, welche dieses Haus mit Feuer und Schwert zu vertilgen strebte. Diese Anhänglichkeit war feurig, jener Haß war unüberwindlich; der Religionsfanatismus fürchtet das Entfernte, Schwärmerei berechnet nie, was sie aufopfert. Was die entschiedenste Gefahr des Staats nicht über seine Bürger vermocht hätte, bewirkte die religiöse Begeisterung. Für den Staat, für das Interesse des Fürsten würden sich wenig freiwillige Arme bewaffnet haben; für die Religion griff der Kaufmann, der Künstler, der Landbauer freudig zumGewehr. Für den Staat oder den Fürsten würde man sich auch der kleinsten außerordentlichen Abgabe zu entziehen gesucht haben; an die Religion setzte man Gut und Blut, alle seine zeitlichen Hoffnungen. Dreifach stärkere Summen strömen jetzt in den Schatz des Fürsten; dreifach stärkere Heere rücken in das Feld; und in der heftigen Bewegung, worein die nahe Religionsgefahr alle Gemüter versetzte, fühlte der Untertan die Anstrengungen nicht, von denen er in einer ruhigern Gemütslage erschöpft würde niedergesunken sein. Die Furcht vor der spanischen Inquisition, vor Bartholomäusnächten eröffnet dem Prinzen von Oranien, dem Admiral Coligny, der britischen Königin Elisabeth, den protestantischen Fürsten Deutschlands Hülfsquellen bei ihren Völkern, die noch jetzt unbegreiflich sind.“

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