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Wolfgang Sofsky
Friedrich Schiller: Religionsterror

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Schillers erste historische Schrift (1788) befaßt sich mit dem Freiheitskampf der Niederlande gegen die spanische Tyrannis. Darin findet sich im ersten Buch auch eine Charakterisierung der spanischen Inquisition. Diese Institution der Glaubensreinigung, einst erfunden gegen Sarazenen, Synkretisten, Muslime, Juden und Ketzer, betrieben von Bettelmönchen, „einer Abart des menschlichen Namens, die die heiligen Triebe der Natur abgeschworen“ und sich zu „dienstbaren Kreaturen des römischen Stuhls“ hochgedient hat, um die Wurzeln alter Religionen „auszureuten“, diese Institution trug bereits totalitäre Züge. „Inquisition hat es gegeben, seitdem die Vernunft sich an das Heilige wagte, seitdem es Zweifler und Neuerer gab.“ Die spanische Inqusition indes zielte nicht nur gegen verrufene Praktiken, sondern gegen Gesinnungen, gegen die Tiefen der Seele. Sie gab das Vorbild für alle Einrichtungen moderner Art, die mittels  Befragung, Selbstkritik, Umerziehung, Tortur, Schauprozeß, Lager oder Exekution abweichende Gedanken, Gesinnungen, Gefühle auszutilgen sucht. In jede Verästelung der Seele treibt sie den Schrecken.

„Wollte die Kirche einen vollständigen Sieg über den feindlichen Gottesdienst feiern und ihre neue Eroberung vor jedem Rückfalle sicherstellen, so mußte sie den Grund selbst unterwühlen, auf welchen der alte Glaube gebaut war; sie mußte die ganze Form des sittlichen Charakters zerschlagen, an die er aufs innigste geheftet schien. In den verborgensten Tiefen der Seele mußte sie seine geheimen Wurzeln ablösen, alle seine Spuren im Kreise des häuslichen Lebens und in der Bürgerwelt auslöschen, jede Erinnerung an ihn absterben lassen und wo möglich selbst die Empfänglichkeit für seine Eindrücke töten. Vaterland und Familie, Gewissen und Ehre, die heiligen Gefühle der Gesellschaft und der Natur sind immer die ersten und nächsten, mit denen Religionen sich mischen, von denen sie Stärke empfangen und denen sie sie geben. Diese Verbindung mußte jetzt aufgelöst, von den heiligen Gefühlen der Natur mußte die alte Religion gewaltsam gerissen werden – und sollte es selbst die Heiligkeit dieser Empfindungen kosten, So wurde die Inquisition, die wir zum Unterschiede von den menschlicheren Gerichten, die ihren Namen führen, die spanische nennen. Sie hat den Kardinal Ximenes zum Stifter; ein Dominikanermönch, Torquemeda, stieg zuerst auf ihren blutigen Thron, gründete ihre Statuten und verfluchte mit diesem Vermächtnis seinen Orden auf ewig. Schändung der Vernunft und Mord der Geister heißt ihr Gelübde, ihre Werkzeuge sind Schrecken und Schande. Jede Leidenschaft steht in ihrem Solde, ihre Schlinge liegt in jeder Freude des Lebens. Selbst die Einsamkeit ist nicht einsam für sie; die Furcht ihrer Allgegenwart hält selbst in den Tiefen der Seele die Freiheit gefesselt. Alle Instinkte der Menschheit hat sie herabgestürzt unter den Glau-ben; ihm weichen alle Bande, die der Mensch sonst am heiligsten achtet. Alle Ansprüche auf seine Gattung sind für einen Ketzer verscherzt; mit der leichtesten Untreue an der mütterlichen Kirche hat er sein Geschlecht ausgezogen. Ein bescheidner Zweifel an der Unfehlbarkeit des Papsts wird geahndet wie Vatermord und schändet wie Sodomie; ihre Urteile gleichen den schrecklichen Fermenten der Pest, die den gesundesten Körper in schnelle Verwesung treiben. Selbst das Leblose, das einem Ketzer angehörte, ist verflucht; ihre Opfer kann kein Schicksal ihr unterschlagen; an Leichen und Gemälden werden ihre Sentenzen vollstreckt; und das Grab selbst ist keine Zuflucht vor ihrem entsetzlichen Arme.“

© W.Sofsky 2017

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