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Wolfgang Sofsky
Gottverlassen

hippolytos-lemoyne

Zu den Eigenarten der alten Götter gehört ihre Todesferne. Leichtlebend wandeln sie festlich einher, unsterblich sind sie, nachdem sie einstmals geboren wurden. Wenn die Menschen etwas zu entscheiden haben, sind sie manchmal zugegen, doch sind sie keineswegs allgegenwärtig. Sobald es ans Sterben geht, verschwinden sie. Jammer und Wehklag geziemt ihnen nicht. Zwischen Göttern und Menschen ist eine Linie markiert: der Tod. Hier die Sterblichen auf dem Weg zu ihrem Ende, dort die todlosen Götter.

Spätestens in der letzten Not ziehen sich die Götter zurück. Apollon verläßt seinen Schützling Hektor, als dessen Schicksal besiegelt ist. Und der Held erkennt am Verschwinden Apollons, daß seine Zeit gekommen ist. Als Hippolytos mit zerschmetterten Gliedern am Boden liegt, spürt er noch, wie der Glanz der Artemis seine Seele überströmt, doch ist sie bereits im Aufbruch: „Ich seh´s und würde weinen, wenn ich dürfte… Leb wohl! Ich darf Verblichene nicht schau´n, mein Antliz darf  Todeshauch berühren. Und du bist nahe dieser letzten Not.“ Der Sterbende verabschiedet die Glückselige: „Du gehst? So leb´denn wohl auch, du sel´ge Maid. Die lange Freundschaft endet kurzes Scheiden.“ (Euripides, Hippolytos, 1396, 1437ff.)

Die antiken Götter trösten nicht, versprechen keine ewige Heimstatt, dienen nicht als Nothelfer, begleiten den Menschen nicht auf seinem letzten Gang. Vielleicht erwarten sie ihn irgendwo, womöglich enden die Verblichenen im Schattenreich des Hades. Aber kein Gott droht mit christlicher Hölle, Strafgericht oder höllengleicher Ewigkeit. Das Reich der Persephone ist von anderer Art als der christliche Teufelspfuhl. Womöglich trauen die Götter den Menschen am Ende mehr zu als  spätere Trost-, Jammer- und Angstreligionen. Wohl können Götter Menschen vernichten, aber sie können ihnen kein Leben geben, weder am Anfang noch am Ende. Das Gesetz der Befristung, das für irdische Angelegenheiten gilt, können sie nicht aufheben.

© W.Sofsky 2017

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