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Wolfgang Sofsky
Gottverhaßt

PlutonVon den Kyklopen erhielt Zeus den Blitz als Waffe des Angriffs, Poseidon gaben sie den Dreizack, Pluton jedoch erhielt die Tarnkappe. Er ist der Unsichtbare, der alle unsichtbar macht. Niemand soll ihn bei seinem wahren Namen „Hades“ rufen. So nennt man ihn Polydegmon, der „viele Gäste Empfangende“ oder „Pluton“, der „Reiche“ und „Reichtum spendende“. Auch „Eubulos“, den „guten Ratgeber“ heißt man ihn, obwohl zuletzt niemand mehr seinen Rat benötigt. Dunkle Locken umgeben sein Haupt, manchmal begleitet ihn der dreiköpfige Hund Kerberos, der das große Tor bewacht. Auf einer Quadriga mit schwarzen Rössern entführte er einst seine Nichte Persephone in die Finsternis. Er ist der einzige Gott, der stets mit den Toten verkehrt. Hermes Psychopompos, der Seelengeleiter, führt nur wenige Verstorbene bis zu den Ufern des Acheron oder, wie die hingemordeten Freier der Penelope, bis zu aschebestreuten Wiese. Hades indes ist von allen Toten umgeben, für alle Zeit. Alle Sterblichen werden seine Gäste. Niemand entkommt ihm, alles Lebendige läßt er verschwinden. Wer das Tor des Hades durchschreitet, wird nie mehr zurückkehren. Oftmals ist sein Antlitz nach hinten gewandt, denn er blickt stets in die Vergangenheit. Wer ihm opfern will, muß dies gleichfalls mit abgewandtem Gesicht tun. In der unteren Welt ist er allgegenwärtig, aber niemand soll ihn sehen, weder die Toten noch die wenigen Lebenden, welche die Unterwelt aufsuchen. Ein Blick auf seine Gestalt, jeder würde zu Tode erschrecken.

Hades führt ein wenig geselliges Leben. Obwohl Bruder des Zeus und des Poseidon, gehört er nicht in den olympischen Kreis der leichthin Lebenden. Außer der Geschichte vom Raub der Persephone gibt es über ihn wenig zu berichten. Umso unheimlicher ist diese Gestalt. Doch kennt er, wie jeder Machthaber, die Furcht vor dem Ende der Macht. Als im Götterkampf die Erde bebt (Ilias 20,62ff.), springt Hades vom Thron auf und brüllt auf vor Schreck, damit Poseidon ihm von oben nicht die Erde zerrisse . Er fürchtet, die Erde könne aufbrechen und sein geheimes Reich werde ans Licht kommen, gräßlich, modrig, dumpf und gottverhaßt, wie es ist. Es ist, als würde man einen alten Stein umdrehen, und darunter wimmelte es von Larven und Getier.

Die Herrschaft des Hades ist von eigener Art. Er regiert die Toten. Die Toten aber sind nichts als Schemen, als Schatten ihrer selbst. Sie sind die Gewesenen. Hades beherrscht die Vergangenheit und nichts als die Vergangenheit. Sein Reich ist gegenwärtig, und jeder künftig Lebende wird dort eintreten. Aber es ist ein Reich der Geschichte, der verblichenen Erinnerung, in dem nichts mehr zu ändern, nichts mehr wahrzunehmen, zu erwarten, zu hoffen ist.

© WS 2017

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