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Wolfgang Sofsky
Goethe: Menschengötter

Irgendwann zwischen 1804 und 1812 soll Goethe zu Friedrich Wilhelm Riemer bemerkt haben: „Was der Mensch als Gott verehrt, ist sein eigenstes Inneres herausgekehrt.“ Und er soll in dieser Zeit auch hinzugefügt haben: „Erkennt er Würde, sucht er Würde, so verehrt er sie auch außer sich… Zur Zeit, als es noch Könige gab, gab es auch noch Götter.“ Als aber die Könige verschwanden, kam nicht nur die Würde in Dekadenz, sondern auch die der Götter. „Sie mußten sich gefallen lassen, daß man mit ihnen umsprang wie mit den Menschen. Es war die Egalisierung bis in den Himmel gedrungen.“

Diese religionshistorische Notiz über den Niedergang der Götter findet ihre Bestätigung in der spät- und postchristlichen Vorstellung, daß der Gott in jedem Menschen sei, ja, daß er nichts anderes als der jeweilige „Mit“mensch sei, und Gotteswürde eben nichts anderes die allgemeine Würde sei, die jedem Menschen eigen sei, worin immer sie genau bestehen mag. Abgesehen von solcherlei historischer Diagnose über den Konnex von Götterglaube und Fürstenautorität – die These von der Exkorporation der Götter rechnet damit, daß die Menschen eine, zumindest vage Vorstellung von sich selbst haben. Sie haben Wünsche, Sehnsüchte, Ideen von Glück und Gefühl, von Stolz, Macht, Zorn, Gnade, Sorge, Beschwörung. Erst wenn sie dies haben, können sie Götter als Ebenbilder ihrer selbst entwerfen.

Womöglich hat es sich historisch jedoch umgekehrt verhalten. Was die Menschen mit der Zeit als ihr Inneres erkannten, war die Inkorporation dessen, was sie zuvor den Göttern zugesprochen hatten. Das Innenleben war einst ein Eingriff der Gottheit, ein Widerfahrnis, das die Menschen übermannte. Angst, Trauer, Zorn, Freude, Liebe ereilte die Menschen wie eine fremde Macht. Und diese fremde Macht waren die Götter. Sie versetzten die Menschen in die jeweiligen Zustände, erlegten ihnen Gedanken, Entscheidungen, Gefühle auf. Erst als die Menschen zu glauben begannen, daß sie selbst im Mittelpunkt der Welt stünden, kehrten sie die Inkorportion des Göttlichen um in eine Exkorporation des Menschlichen. Seitdem ist die Zeit der Götter vorbei. Und die Menschen halten sich selbst für Götter, die man nur bei Gottesstrafe verachten und verlachen darf. Das Ende der Religion indes ist erst erreicht, wenn der Himmel leer ist, wenn dort weder Götter oder Menschen noch Affen oder Spatzen als höhere Wesen verehrt werden.

© W.Sofsky 2017

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