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Wolfgang Sofsky
Unter Schatten

Im Augenblick des Todes verläßt Thymós den Körper und verschwindet für immer. Er ist jene Kraft, welche den Menschen in Regung versetzt hat. Sie ist nun dahin. Psyché indes, der Lebenshauch, geht ins Haus des Hades ein. Die Atmung hört auf, aber der Odem wechselt den Ort. Psyché ist weder die Seele noch der Geist, und auch kein Doppelgänger des Menschen. Empfindungen und Gedanken sind mit dem Tode ebenfalls dahin. Sogar das Wissen, das allein der Lebende in sich wahrte, ist mit seinem Tode für immer verschwunden. Es bleibt allein Psyché. In dem Augenblick, da sie den Leichnam verläßt, wird sie zum eídolon, zur Bilderscheinung, gleich dem Spiegelbild, das man zwar manchmal sehen, aber nie ergreifen kann, ein Traumbild, ein Spukbild. So ist die Psyché eines Toten manchmal  sichtbar, zumindest vorstellbar. Als aber Achilleus den toten Patroklos, Odysseus seine Mutter umarmen will, gleitet das Bild wie ein Schatten oder Rauch durch ihre Hand. Die Schatten sind Häupter ohne Lebenskraft, sie haben keine Energie, kein Bewußtsein. Sie müssen erst Lebenssaft, Opferblut trinken, um sich erinnern und sprechen zu können. Sonst flattern sie – gleich zirpenden Fledermäusen in ihrer Höhle – umher. Als Erinnerungsbilder verharren manche „Seelen“ in der letzten Stunde des Lebens. Orion der Jäger jagt, Minos der König spricht Recht, Agamemnon ist umgeben von denen, die mit ihm erschlagen wurden. Die Schatten sind die Gewesenen. Sie erhoffen nichts, erwarten nichts. Manchmal flackert für einen Moment das Bewußtsein auf und sie ahnen die anderen Schatten ringsum. Manchmal ist es, als riefe jemand oder werfe die Arme in die Höhe. Dann versinken sie wieder in der Stille der Geschichte.

© W.Sofsky 2017

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