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Wolfgang Sofsky
Totenspeise

Zu Ehren der Toten wurde kein Altar errichtet, sondern eine Grube gegraben. Am Rand der bewohnbaren Welt hob der Reisende – auf Geheiß der Zauberin – ein ellenlanges Quadrat aus, goß ein Gemisch aus Honig hinein, süßen Wein sodann und endlich klares Wasser, um darauf weiße Gerste zu streuen, nicht ohne einen Eid abzulegen, bei der Heimkehr dereinst ein unfruchtbares Rind sowie einen schwarzen Bock zu opfern. Nach solchem Gelübde schlachtete er den Widder und das schwarze Schaf, und als die Toten immer näher herankamen, strömte das schwarzwolkige Blut in die Grube, indes seine Gefährten die Tiere häuteten, das Fleisch verbrannten und zu Hades und Persephone beteten. Junge Frauen und Männer kamen immer näher heran, lautlos, Schatten gleich, Greise, die vieles erduldet hatten, Mädchen mit jungem Gram im Herzen, tödlich Verwundete, Krieger in blutverkrusteter Rüstung. Sie umringten die Grube, da schrien sie auf, markerschütternd, als sie des Blutes ansichtig wurden. Die Nahrung erweckte sie, der Hunger, die Aussicht auf Sättigung – für einen kurzen Augenblick.

© W.Sofsky 2017

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