Schlagwörter

, ,

Wolfgang Sofsky
Tatsachen, Geschichte, Erinnerung

Wer Vergangenes erkennen will, muß sowohl die Götter als auch die Greise aus dem Diskurs verbannen. Bei keiner Entscheidung, keiner Schlacht, keiner Verhandlung ist jemals ein Gott anwesend gewesen, ebensowenig wie das Schicksal. Was die Alten davon erzählen, ist indes genauso wenig überzeugend. Auch diese Tradition der Erinnerung gehört auf den Index. »Wer aber das Gewesene klar erkennen will“, heißt es in der methodischen Vorbemerkung zum  „Peloponnesischen Krieg“ von Thukydides,  „und damit auch das Künftige, das wieder einmal, nach der menschlichen Natur, gleich oder ähnlich sein wird“, der muß auf das Hörensagen mit seinen Irrfahrten, Seitenflüchten und trügerischen Vergnügungen verzichten. Von Mund zu Mund gehen nur leere Gerüchte und vorgestanzte Ideen. Die flottierende Erinnerung, jeder Täuschung, vor allem aber Selbsttäuschung verfallen, wählt willkürlich aus, deutet um, wie es ihr beliebt. Grundloses Raunen formiert sie zu unüberprüfbaren „Tatsachen“. Erinnerung ist Fälschungsarbeit, man überlasse sie den Dichtern, Geschichtenschreibern, Propagandisten, den Erfindern kleiner und großer Erzählungen. Die einen überhöhen die Dinge und schmücken sie aus, suchen nach Sensationen, die sie empören, indes die anderen Belangloses aneinanderreihen oder Unbeweisbares im Brustton der Überzeugung vorbringen, indem sie „alles bieten, was die Hörlust lockt, nur keine Wahrheit“. Das halb Glaubwürige erweist sich rasch als unglaubhaft. Doch die Leichtgläubigen und Gedächtnisschwachen, die Meinungsfreudigen und Selbstüberzeugten, sie folgen den jungen Erzählern und geschwätzigen Greisen. Geschichte indes steht außerhalb der gängigen, populären Urteile. Sie beginnt dort, wo die Erinnerung ihr Ende hat. Eine Mauer ist errichtet: hier das Gesagte und Fabulierte, der betörende Gesang, die laute Stimme, dort das, was tatsächlich der Fall war und ist.

© W.Sofsky 2017

Advertisements