Schlagwörter

, ,

Wolfgang Sofsky
Religionsfrevel

Die Geschichte der Religionen kennt mehrere Formen des Frevels. Die erste besteht darin, die Existenz der Götter zu leugnen. Atheisten bestreiten, daß Götter überaupt existieren. Das hindert sie nicht daran festzustellen, daß Menschen aus diesem oder jenem Grunde glauben, daß Götter existieren. Allein, aus dem Glauben, daß p, folgt mitnichten, daß p. Solcher Religionsfrevel rechnet mit der Wirklichkeit und Wirkmäch-tigkeit religiöser Vorstellungen, aber nicht mit der Wirklichkeit der vorgestellten Götter. Atheisten beteiligen sich daher auch nicht an theologischen Debatten über die Eigenschaften von Göttern. Ob ein Gott allmächtig oder ohnmächtig, allklug oder alldumm, allgut oder allböse, allgegenwärtig oder verborgen, allgelb, allrot oder allschwarz ist, ist für ihn eine sinnlose Frage. Sie hat nicht mehr Bedeutung als diejenige, ob Einhörner groß, klein, gescheckt oder einfarbig sind.

Davon zu unterscheiden sind Einstellungen, welche die Götter mißachten und sich nicht um sie kümmern. Gleichgültigkeit gegenüber den Göttern verwirft nicht ihre Existenz, hält diese aber für belanglos. Für den Gleichgültigen ist es unerheblich, ob Götter sind oder nicht sind. Ebenso unbedeutend sind für ihn die Kultpflichten, die Achtungsgebote, die Wertschätzung heiliger Worte und Taten. Gleichgültige vernachlässigen die Götter, die von anderen verehrt werden. Sie nehmen nicht an Kulthandlungen teil, beten nicht, opfern nicht, denken nicht einmal an irgendeinen Gott. Diese Mißachtung wird ihnen von Gläubigen und Halbgläubigen zutiefst verübelt. Dem Gleichgültigen ist das, was für den Gottesanhänger den allerhöchsten Wert hat, schlechterdings wertlos.

Eine dritte Form des Religionsfrevels ist der Glaube an andere Götter.  Anhänger anderer Götter lehnen die Vorstellungen, Dogmen, Lehrmeinungen, Überzeugungen, Bekenntnisse, Gesinnungen von Religion A ab und präferieren stattdessen Götter und Lehren vom Typ B. Solche Frevler gelten gemeinhin als Ketzer, Häretiker, „Andersgläubige“, „Ungläubige“. Ihnen sind andere Götter und Kulte heilig. Insbesondere monotheistische Religionen wie das Christentum und der Islam sind in der Verfolgung solchen Religionsfrevels besonders unduldsam. Sie prüfen Gesinnungen, strafen und töten Abweichler. Während Atheisten und Gleichgültigen gar nichts heilig ist, ist den „Ketzern“ eine andere Gottheit heilig. Dies können Gesinnungsreligionen, die ihren monozentrischen Universalitätsanspruch ernst nehmen, unmöglich ertragen. Sie fordern, B abzuschwören und A anzubeten, und zwar nicht aus Opportunität, sondern aus tiefster Überzeugung. Abweichungen des Glaubens provozieren Gesinnungsterror und robuste Repression bis zur Ausstellung gemarterter Ketzer in öffentlichen Käfigen. Religion ist hier weniger eine Frage des korrekten Kultus als des korrekten Glaubens.

Eine vierter Frevel richtet sich nicht gegen Götter, sondern gegen deren Statthalter, Sprecher, Vertreter. Die Mißachtung oder Verachtung, der Ungehorsam oder die Indifferenz gegenüber Propheten, Predigern und Priestern ist ein gesellschaftlicher und ideologischer Machtkonflikt, der mit allen Mitteln der Resistenz, Renitenz und Repression geführt werden kann. Im Zentrum steht dabei zunächst die Delegitimierung sakraler Ämter und Personen, die „Entweihung“ angemaßter höherer „Würden“, die Widerlegung des Anspruch, in einem „höheren“ Namen zu reden und zu handeln. Nichts verärgert religiöse Virtuosen, Statthalter und Amtsträger mehr als die Profanisierung ihrer Stellung, ihrer Rollen und persönlichen Eigenschaften. Sie erscheinen am Ende als durchschnittliche Figuren, die weder für Götter noch mit Göttern zu sprechen vermögen. Ihre religiöse Vermittlungsfunktion erweist sich überaus weltlicher Machtanspruch.

Eine eigene Betrachtung verdienen die Methoden und Strategien des Religionsfrevels, die Techniken der Ruchlosigkeit, der Lästerung, Blasphemie, der Entweihung, der Profanisierung sowie die Repressionsformen religiöser Machthaber. Diese Analyse der Handungen, Aktivitäten, Konflikt- und Herrschaftsprozeduren ist naturgemäß eine weites Feld.

© W.Sofsky 2017

Advertisements