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Wolfgang Sofsky
Mnemosyne und ihre Töchter

Von der Titanin Mnemosyne ist, obwohl sie den Menschen einen unerforschlichen Kontinent hinterlassen hat, selbst wenig bekannt. Als Göttin wurde sie in den Bergen Böotiens verehrt. Neun lange Nächte verbrachte sie mit Zeus, dem Wolkenversammler, auf ihrem heiligen Lager, fernab der übrigen Götter. Als die Zeit vergangen war, gebar sie unweit des schneebedeckten Olymp neun Töchter, die das Werk ihrer Mutter vollenden sollten. Erinnerung nämlich hält sich im Gedächtnis der Menschen allein durch die Künste, die Poesie. Klio, die erste Tochter, bewirkt, daß der Gesang vom Ruhme kündet. Euterpe erfreut den Hörer durch das Süße, Herzerquickende des Gesangs. Thalia knüpft die Poesie an das Fest, Melopene und Terpsichore verbinden sie mit Tönen, mit Musik und Tanz. Erato weckt das Verlangen nach Dichtung, Polhymnia sorgt für reiche Abwechslung, Urania hebt den Gesang der Poeten über das Menschliche hinaus. Kalliope, die neunte Tochter, sorgt für die Schönheit der Stimme beim Vortrag der Verse. Durch ihre Lieder erfreuen die neun Musen ihren Vater und seine olympische Sippe mit süßem Gesang. Rings jauchzte die dunkle Erde, reizend klang der Takt ihrer Füße, als sie hinanstiegen zum Göttersitz. Unsterbliche Weisen singen sie seitdem. Sie verkünden, was ist, was sein wird und was einst war. Ihre gestrenge Mutter Mnemosyne indes sorgt dafür, daß die so reizend singenden und tanzenden Musen sich nicht in Fiktionen verlieren, sondern Genaues und Zuverlässiges berichten und dem Poeten vergegenwärtigen, wie es tatsächlich war.

© W.Sofsky 2017

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