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Wolfgang Sofsky
Die Kinder der Nacht

Nicht nur Gaia entstand aus dem Chaos, sondern auch Erebos, die Finsternis, und Nyx, die Nacht. Erebos ist das Stockschwarze, das sich mit nichts vermengt, in dem niemand etwas sieht, da niemals ein Lichtstrahl in die Finsternis dringt. Erebos ist den Lebenden unbekannt, sie erkennen es erst mit dem Tod. Nyx indessen ist fruchtbar, ohne sich mit jemandem zu vereinen. Aus dem Gewebe der Nacht schneidet sie das Tageslicht, den Tag, Hemera, und die Helligkeit des Himmels, den Äther. Vor dem Eingang des Tartaros treffen sich Tag und Nacht, dort winken sie einander zu, laufen aneinander vorbei, ohne sich je zu streifen. Wenn Tag ist, ist nicht Nacht; und wenn Nacht ist, ist nicht Tag. Doch ist der Tag ein Kind der Nacht, ein Enkel des Chaos. So erschafft das Chaos nicht nur die Erde, sondern zuletzt auch die Zeit. Aus nichts wird die Welt und die Zeit, Sein und Zeit.

Keineswegs ist die Nacht nur die Quelle der Zeit. Aus ihr entstehen düstere Kräfte. Bei Hesiod hat das Unheimliche, das Schwarze, das Verderben, einen ungleich größeren Raum als bei Homer. Hesiods Götter sind nicht die leichthin Lebenden. In Hesiods Genealogie, die bekanntlich über 300 Gottheiten umfaßt, kommt auch das Ungestalte, Feindliche, Tödliche zu seinem Recht. Insofern ist Hesoid weit realistischer als sein Antipode, der blinde Homer. Ohne Vater sind die Kinder der Nacht. Nyx bringt sie hervor, allein aus sich heraus, aus eigener Quelle und Potenz. Das Unheil jeglicher Art hat keine weitere Ursache.

„Die Nacht gebar das schreckliche Verhängnis, das schwarze Verderben und den Tod, gebar auch den Schlaf und brachte die Sippe der Träume hervor; keinem gesellt, gebar sie die Göttin, die finstere Nacht. Weiter erschuf sie den Momos (Tadel), die schmerzliche Oizys (Not) und die Hesperiden, die jenseits des berühmten Okeanos schöne goldene Äpfel hüten und früchtetragende Bäume. Auch gebar sie die Moiren (Schicksalsgöttinen) und die Keren, gnadenlose Rächerinnen, (und Klotho (Spinnerin), Lachesis (Zuteilerin) und Atropos (die Unabwendbare), diese bestimmen den Menschen bei der Geburt ihren Anteil an Glück und Unglück), die Vergehen von Menschen und Göttern verfolgen; dann erst lassen die Göttinnen von ihrem schrecklichen Groll, wenn sie den Frevler furchtbar bestraft haben. Die verderbliche Nacht gebar auch Nemesis (Vergeltung) zum Leid der sterblichen Menschen, und nach ihr gebar sie List und Liebe und das verderbliche Alter, sie gebar auch die trotzige Eris (Streit).

Die schreckliche Eris nun gebar die leidvolle Mühsal, das Vergessen, den Hunger, und tränenbringende Schmerzen, auch Schlachten, Kämpfe, Mord und Totschlag, Zwietracht, Betrug, Rede und Widerrede und, eng miteinander verbunden, Rechtsverletzung und Verderben und Eid, der irdischen Menschen das größte Leid bringt, wenn einer willentlich falsch schwört.“ (Theogonie, 211-233).

© W.Sofsky 2017

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