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Wolfgang Sofsky
Hesiod: Chaos

Eine der rätselhaftesten Passagen der abendländischen Literaturgeschichte, die beinahe in Stein gemeißelt worden wäre, stammt aus der Theogonie des Hesiod:

„Zuerst nun war das Chaos,
danach die breitbrüstige Gaia,
der Unsterblichen ewiger Wohnsitz,
die das Haupt des verschneiten Olymp
und den finsteren Tartaros bewohnen tief
unter der breitstraßigen Erde;…“

Was war, als noch nichts war? Nichts! Was war, als es noch nichts gab? Nichts! Wieso kann etwas sein, wenn nichts ist? Hesiod nannte den Zustand vor dem Anfang „Chaos“. Chaos, das ist die gähnende Leere des Raums, eine finstere Tiefe, ein Abgrund ohne Grenzen, in dem nichts unterschieden werden kann, weil er vollkommen leer ist. Es ist ein Raum des Fallens, des Taumels, ohne jeden Grund und Boden, ein unermeßlicher Rachen, der alles, würde denn etwas existieren, in endlose Nacht hinabreißen würde. Ein Schlund ist das Chaos, leer und wüst. Chaos ist also nicht das wilde Durcheinander ungeschiedener Elemente, die große Unordnung, der Wirrwarr, das Tohuwabohu, sondern einfach – nichts. Doch scheint dieser leere Chaosraum Ränder zu haben. Abgründe, Rachen sind begrenzt durch Felsen, Wände, Gewebe.

Es zeigt sich sofort, wie sinnlos es ist, das Chaos in irgendeiner Weise zu veranschaulichen. Noch die Leere wäre etwas und nicht nichts. Wenn aber nichts ist, dann ist da, wo nichts ist, auch keine Grenze. Sonst wäre schon etwas da. Sogar eine heimliche Kraft soll – laut Hesiod – dem Chaos innewohnen, die Kraft, Gaia hervorzubringen, die Plattform der festen, wohlumrissenen Erde, über der sich dann der Himmel wölbt, unter der jedoch weiterhin der große finstere Abgrund, der Tartaros, klafft, der bis hinunter ins Chaos reicht.

© W.Sofsky 2017

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