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Wolfgang Sofsky
Uranos: Ein anderer Anfang

Es gab eine Zeit, da waren die Menschen noch frei von dem Glauben, daß der Erste zugleich der Höchste, der Allmächtige und der Allerbeste sei. Generationen sollte es dauern, bis sich nach dem Anfang allmählich eine Ordnung bildete. Die ersten Väter haßten ihre Kinder, fraßen sie auf – wie Kronos – oder verbargen sie – wie des Kronos Vater Uranos – in der inneren Höhlung der Erde. Jede Nacht kam Uranos, der strotzende Himmelsgott, zu seiner breitbrüstigen Gattin Gaia, um sie gänzlich zu bedecken. Berge gebar sie, Göttersitze, Nymphen, die zerklüftete Höhen bewohnen, den tiefwirbelnden Okeanos, Themis, das Recht, und Mnemosyne, die Erinnerung, Gyges ferner, die Kyklopen und manche andere. Von Anfang an waren diese gemeinsamen Kinder dem Uranos ein Greuel, alle verbarg er, kaum daß sie geboren waren, im Schoße der Gaia und ließ sie niemals ans Licht. Die riesige Erde indes stöhnte unter der Last in ihrem Innern. Jede weitere Geburt füllte ihre inneren Höhlen. Da ersann sie eine böse List. Endlich wollte sie den lästigen Begatter loswerden. Rasch brachte sie den grauen Stahl hervor, fertigte eine Sichel mit scharfen Zähnen und forderte ihre Kinder auf, sich des bösartigen Vaters zu entledigen. Doch nur Kronos, ein Jüngling von krummen Gedanken, faßte Mut und versprach Rache.

„Die riesige Erde aber freute sich. Sie barg ihn in einem Versteck, gab ihm die scharfgezahnte Sichel in die Hand und lehrte ihn die ganze List. Es kam aber der große Himmel, führte die Nacht herauf, umfing die Erde voller Liebesverlangen und breitete sich ganz über sie. Der Sohn aber griff aus dem Versteck mit der linken Hand nach ihm, nahm die riesige, lange, scharfgezahnte Sichel in die Rechte, mähte rasch das Geschlecht seines Vaters ab und warf es hinter sich, daß es fortflog; doch fiel es nicht ohne Wirkung aus seiner Hand, denn all die blutigen Tropfen, die herabfielen, empfing Gaia und gebar im Kreislauf der Jahre die starken Erinyen, die großen Giganten in strahlender Rüstung und mit langen Speeren in der Hand sowie auch die Nymphen, die man auf der unendlichen Erde Meliai nennt.“ (Hesiod, Theogonie, 175-185)

Am Anfang war nicht das Wort, und auch nicht die Tat, sondern der kosmogonische Sex und der Kampf der Geschlechter. Erst die Entmannung trennt Himmel und Erde für immer. Gaia handelt in Notwehr. Die Erdgöttin fürchtet weitere Kinder, an denen sie Zerplatzen würde. Doch führt ihre List zur Schuld. Ihr Sohn Kronos wirft das kastrierte Gemächt des Uranos hinter sich, eine Geste, die das Unheil zu meiden sucht. Die Erinyen, die Geister der Rache, sinnen auf Vergeltung, und die Nymphen der Eschen behüten das harte Kriegsholz der Speere und Pfeile. Aus dem Geschlecht des Uranos indes wird alsbald Aphrodite erstehen, die Schönste von allen.

© W.Sofsky 2017

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