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Die Götter Griechenlands

Kürzlich fand in Bad Berka, unweit von Weimar, ein Treffen des Holbach-Instituts statt. Anwesend waren die korrespondierenden Mitglieder Isabeau Prévost (IP, Strasbourg), Zoe Merck (ZM, Wolfenbüttel) und Romuald Lenki (RL, Bratislava) sowie Wolfgang Sofsky (WS). Gegenstand waren einige Fragen des Atheismus sowie der antiken Religion. Hier einige Auszüge aus der Konversation:

WS: Da wir uns hier in der Nähe von Weimar aufhalten, ist es zur Einstimmung vielleicht angebracht, an Schillers philosophisches Gedicht über „Die Götter Griechenlands“ zu erinnern. Bekanntlich hat das Poem seinem Autor einige Vorwürfe eingebracht: es zeige eine antichristliche Tendenz. Daraufhin hat er fünf Jahre später, 1793 also, den Text umgedichtet. Der Vorwurf des Atheismus war auch im klassischen Weimar wenig angenehm. Halten wir uns an die erste Fassung von 1788. Dort heißt es zu Beginn:

„Da ihr noch die schöne Welt regieret, an der Freude leichtem Gängelband glücklichere Menschenalter führtet, schöne Wesen aus dem Fabelland! Ach! Da eurer Wonnendienst noch glänzte, wie ganz anders, anders war es da! Da man deine Tempel noch bekränzte Venus Amathusia!“

RL: Nun, Schiller hatte ein klares Bewußsein davon, daß Götter Fabelwesen sind, Ausgeburten der Imagination. Es wäre ihm nicht im Traume eingefallen, sie für real zu halten. Ebenso fabel-haft ist natürlich die Idee, die Welt sei damals „schöner“ gewesen. Worum es ihm in dieser biographischen Phase künstlerischen Selbstzweifels geht, ist wohl die Erweiterung des Denk- und Imaginationsraums um das Fabelland der griechischen Antike.

IP: Man könnte auch sagen, es ging ihm um die Opposition der Kulturen. Hier die christliche Kultur, welche die Sinnlichkeit verleumdet, mit ihrem ernsten, unsichtbaren Gott, dieser grausamen Gottheit, die ihren eigenen Sohn opfert und alle Untertanen unter das Regime von Schuld und Gewissen zwingt. Dort aber eine Wunschkultur, die der griechischen Götter eben, eine Kultur der Daseinsfreude, der Lebenslust, des Lebens im Draußen, nicht in der Höhle der Innerlichkeit. Die griechischen Götter müssen keine Erlösung oder Versöhnung versprechen, da sie die Menschen nicht zuvor mit der Knute von Angst und Gewissensnot geschlagen haben.

ZM: Aber jenseits der moralistischen Tyrannei sollten wir zunächst die simple Tatsache festhalten: die Götter sind Fabelwesen, und zwar alle Götter, die griechischen, indischen und aztekischen, der christliche Gott oder der islamische Allah, allesamt Fabelfiguren! Der Rückgang in die Antike zeigt, wie jede Reise in eine andere Kultur, die Relativität der Gottesbilder, aber auch den ungeheueren Reichtum der Imagination in Kulturen, die keine heiligen Bücher und Dogmen kennen, keinen absoluten Eingott, sondern viele Götterfiguren, bei Hesiod sind es über 300. Da gibt es einfach viel mehr zu erzählen. Wenn man dagegen nicht mehr viel zu erzählen hat, muß man damit anfangen, jedes Wort umzudrehen. So entstand die Exegese, die Auslegung „heiliger“ Worte, die Theologie.

RL: Das würde heißen, daß die Christianisierung des Abendlandes eines kulturelle Verarmung bedeutet hat. Nicht die Entzauberung durch das moderne Denken ist das Problem, sondern die monotheistische Kanalisierung, diese kognitive Engführung, bedeutete einen epochalen Kulturverlust.

WS: Das ist eine steile These. Das frühe Mittelalter war zwar bekanntlich nicht finster, aber im Vergleich mit der antiken Hochkultur wohl doch ein kultureller Niveauverlust. Was die literarischen Schätze anlangt: hätten die Christen nicht das „Alte Testament“ von den Juden übernommen und die neuen Heiligenlegenden hinzugefügt, dann müßten sie sich mit dem kanonischen Neuen Testament begnügen, ein recht übersichtliche Lektüre für den Wunderglauben und mit einer Zentralgeschichte: dem Menschenopfer Jesu. Das ist nurmehr ein Gerippe von Imagination.

ZM: Die christliche Welt scheint für Schiller eine kalte Welt zu sein, der Gott im unsichtbaren Jenseits, die Seele in unsichtbarer Innerlichkeit, ein drakonisches Regimes.

RL: Das würden die glühenden Anhänger des Monotheismus natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Aber sie reagieren naturgemäß recht erbost, wenn da noch andere Götter die Welt bevölkern, diese Götzen, die ausradiert gehören: Baal, Zeus, Aphrodite, Eros, Buddha, Vishnu, alles Götzen, weg damit, sprengen!

ZM: Und zwar im selbstgerechten Bewußtsein, nur einen Gotteswillen zu exekutieren, den Willen des einzigen Gottes. Wer aber den Gattungsbegriff „Gott“ zum Eigennamen umwidmet, der verliert auch das Bewußtsein davon, daß alle Götter kulturelle Erfindungen sind. Monotheismus und Fanatismus scheinen nahe beieinander zu liegen.

WS: Ich möchte noch einmal zu Schillers Gedicht zurück. Wenn es Schiller um die Restitution des mythischen Bewußtseins geht, zumindest innerhalb der Poesie, dann ist Bereicherung sein Ziel, Belebung, Verschönerung der Künste und des Lebens. Doch sind die Götter Griechenlands mitnichten derart lebensfroh, rosig, edel, hold und erhaben, wie Schillers geradezu enzyklopädisches Gedicht suggeriert. Er idealisiert ohne Ende. Es gibt ja nicht nur den wilden Dionysos, die fremden Götter wie Adonis, Kybele, die Große Göttin Meter oder Sabazios, es gibt kleinere Götter wie Hestia, Hekate oder Prometheus, es gibt Untiere, Monstren, Dämonen, Gorgonen, Sirenen, Schreckensgestalten, vor allem aber sind selbst die zwölf olympischen Gottheiten Homers zumindest ambivalent, um nicht zu sagen vielgesichtig. Fast alle haben eine schwarze, bedrohliche Seite. Artemis, die Jägerin und Geburtshelferin, schickt auch das Kindbettfieber und hat ihren Tempel an der Stelle in Athen, wo man die Hingerichteten hinwirft. Aphrodite, Inbegriff von Schönheit und Liebreiz, bestraft drakonisch, wer sich zur Liebe nicht hinreißen läßt. Von den rituellen Ekstasen und Rasereien ganz zu schweigen. Nicht nur die Mythologie, auch die Riten der griechischen Religion sind vielgesichtig, widersprüchlich, gegensätzlich, fern des ideologischen Dogmas und des liturgischen Ritualismus.

RL: So führt der „Rückgang“ in die Antike in freiere Gefilde, da nicht nur andere Fabelwesen hausen, sondern auch „menschlichere“ Götter?

ZM: Damit beginnt ja der antike Atheismus, mit dem Nachweis nämlich, daß die Götter wie Menschen sind, Projektionen. Sie leben in Familie, kennen Generationskonflikte, Vatermorde, Rivalitäten, Eifersucht, Machtlust, Zerstörungswut, Sympathie, Klugheit, Geschicklichkeit, Verführung, sie haben Sex, mit Ausnahme der göttlichen Jungfrauen Artemis und Athene. Sie sind wie die Menschen, nur sterblich sind sie halt nicht.

WS: Schiller: „Da die Götter menschlicher noch waren, waren Menschen göttlicher.“

IP: Nicht nur Unsterblichkeit markiert die Trennlinie. Die Götter sind nicht allwissend, aber sie wissen meist mehr als die Menschen. Ihre Planung zielt weiter hinaus, indes die Menschen mehr oder weniger im Dunkel der Tagesereignisse herumtappen. Götter können riesige Räume überwinden, man denke an Hermes, aber sie sind keineswegs immer da. Allgegenwart ist ohnehin kein göttliches Attribut, sondern eine Horrorvorstellung. Es ist immer gut, wenn Götter auch mal fort sind. Außerdem verwandeln sie sich, nehmen Tiergestalt an, kommen in Wolken oder Dunstschleiern daher. Aber sie sind Personen, wie die Menschen Personen sind, sie haben ein Verhältnis zu sich selbst. Und weil sie Personen sind, können nicht nur Menschen über Götter lachen, sondern auch die Götter über sich selbst. Man stelle sich Jahwe oder den Christengott oder Allah als lachenden Gott vor! Im Monotheismus gibt’s immer wenig zu lachen. Ein schmunzelndes Christuskind auf Mariens Arm ist armselig. Über der Madonna mit dem Kind lauert immer schon das Wissen ums fatale Ende am Kreuz. Und das selige Lächeln der in Ewigkeit Entrückten, auf den Portalen des Jüngsten Gerichts. Denen scheint das Lachen so vergangen zu sein, daß es nurmehr zu einem verklärten Lächeln reicht.

ZM: Die Ebenbildlichkeit von Menschen und Göttern muß man noch genauer bestimmen für das jeweilige Pantheon. Im Grunde geben Gottesbilder ja Aufschluß darüber, welche kollektiven Vorstellungen, Wünsche, Machtphantasien, Ängste Menschen jeweils haben. In ihren Göttern spiegeln sie sich selbst. Deshalb sind Götter kulturhistorisch so interessant. Aber der Ausgangspunkt ist stets der genuin atheistische Befund, daß das Pantheon eine menschliche Kreation ist, in der die Menschen sich ein Gegenüber erfinden, das fast so ist wie sie selbst. Religion – Menschenwerk, Götter – Fabelwesen.

RL: Wie kann man die vermeintliche Macht der Götter verstehen? Es kommt ein Prozeß der Entfremdung in Gang, oder sagen wir, der Objektivation: Zuerst von den Menschen in die Welt gesetzt, gewinnen die Götter eine Art Eigenleben, eine unabhängige Existenz. Sie machen, was sie wollen, sonst wären sie ja keine Götter, sie übertrumpfen die Menschen, beherrschen sie, spielen mit ihnen, hetzen sie aufeinander wie vor Troja. Als eigenständige, unbegrenzte Macht scheinen sie die Welt zu regieren. Und die Menschen beten sie an, unterwerfen sich, errichten Kultstätten für Idole, die nichts als ihre eigenen Erfindungen sind. Diese Objektivation macht der Atheismus rückgängig. Er besteht darauf, daß Götter nichts als Fabelwesen sind. Dadurch befreit er die Menschen von Idolen und Illusionen, aber auch von einem autokratischen Regime, das in den Köpfen und in der Gesellschaft existiert.

ZM: Ein nicht geringer Vorteil der griechischen Götter ist immerhin, daß sie niemals auf den Gedanken kommen, den Menschen erschaffen zu wollen. Sie genügen sich selbst. Sie brauchen kein Spiegelbild wie der einsame Wüstengott im vorderen Orient. Wovon die nahöstliche Mythologie geradezu besessen ist, nämlich die Schöpfung von Anbeginn, die Erfindung der ersten Menschen, das ist für die griechische Religion kein Thema. Die Menschen sind schon da. Das ist ja auch nicht verwunderlich, sind sie es doch, welche die Götter erschaffen haben.

RL: Und Prometheus?

ZM: Eine subliterarische Fabel, apokryph!

RL: Nun gut, wie schafft es aber eine Kultur, die Frage nach dem Anfang des Menschen auf sich beruhen zu lassen?

WS: Vielleicht waren die Griechen weise, manche zumindest. Da die Menschen einfach da waren, brauchte man diese Selbstverständlichkeit nicht zu bezweifeln, trotz gewisser Verluste bei Eroberungszügen, Erdbeben, Vulkaneruptionen. Erst wenn die Todesangst überhand nimmt, stellt sich unablässig die Frage, woher die Menschen eigentlich gekommen sind. Wer sich weniger ängstigt, muß sich auch nicht dauernd seiner selbst vergewissern. Ein letzter Blick in Schillers Gegenwelt: „Damals trat kein gräßliches Gerippe vor das Bett des Sterbenden. Ein Kuß nahm das letzte Leben von der Lippe, still und traurig senkt ein Genius seine Fackel. Schöne, lichte Bilder scherzten auch um die Notwendigkeit, und das ernste Schicksal blickte milder durch den Schleier sanfter Menschlichkeit.“

© WS,IP,ZM,RL 2017

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