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Wolfgang Sofsky
Halbierte Aufklärung

In vielen deutschen Schulen oder Akademien glaubt man, ein Subjekt sei schon ziemlich aufgeklärt, wenn es gelegentlich – ohne fremdes Zutun und ohne fremde Anweisung- seinen Verstand benutze und wenn es eindringlich und voll stolzer Mündigkeit wie jedermann dafür plädiere, daß jeder den religiösen Irrsinn des anderen getreulich tolerieren möge, da schließlich alle Subjekte gleich nah bei Gott seien. Als noch „aufgeklärter“ gilt ein Subjekt, wenn es sich dafür einsetzt, daß jede Religion im Staat vertreten sein solle, und wenn es davor warnt, es mit der Kritik  zu übertreiben, da jede Aufklärung bekanntlich auch ihre Schattenseiten habe („Dialektik“!), zumal man letztlich sowieso nichts wissen, sondern nur glauben oder meinen könne, weswegen es ja auch so viele „falsche Wahrheiten“ gebe. Als besonders „aufgeklärt“ indes gilt unter seinesgleichen ein Subjekt, das die Meinung vertritt, es gebe gar keine Wahrheiten, Tatsachen oder Erkenntnisse, sondern nur irgendwelche Vorstellungen oder „Konstruktionen“, was gelegentlich dazu führt, daß ein derart „aufgeklärtes“ Subjekt beim Auftreffen seines Kopfes an der Betonwand sich ein wenig darüber wundert, daß die Konstruktion der Betonwand etwas härter zu sein scheint als die Konstruktionen in seinem Kopf.

Mit der Religion hält es das halbaufgeklärte Subjekt so, daß zwar jeder seine Götter anbeten möge, es aber konstruktiv doch wohl so sei, daß man zuletzt zwar nichts beweisen könne, auch das Gegenteil nicht, daß aber jenseits der schnöden materiellen und symbolischen Welt noch irgendetwas anderes sei, ja, sein müsse, eine transzendente Sphäre sozusagen, weil ja die Welt, so wie sie nun einmal sei, doch nur eine recht profane Angelegenheit sei, was unmöglich alles (gewesen) sein könne, schließlich müsse sich irgendjemand das Ganze ausgedacht haben und das Nichts mit dem Etwas aufgefüllt haben, ein genialer Mikro-, Makrophysiker vermutlich, der damals schon alle Gesetze verstanden haben müsse, die er gerade erfunden hatte und die heutige Menschengeister erst mühsam per Experiment und allerlei Rechenkünsten entdecken müßten. Auch die Entwicklung der Arten hätte jener damals schon geplant, hunderttausende Arten ruckzuck entworfen und auch umgehend festgelegt, wo sich welche Art ansiedeln und wo im Kosmos nur leere Wüstenei herrschen solle, wobei jenes Schöpfungssubjekt wohl entweder eine gewisse Vorliebe für öde Ländereien hatte oder einfach die anderen Sterne und Planeten bei der Verteilung der Elemente und Organismen vergessen haben müsse, so daß die Erdenbewohner, die ja schließlich den Mittelpunkt der Welt einnehmen würden, sich weder Sorgen noch Hoffnungen machen müßten, irgendwo im All, das sich ja bekanntlich, wie ruckzuck geplant, immer weiter ausdehne, jemanden zu treffen, mit dem er reden oder Faxen machen könne, schließlich sei das Subjekt,das derlei ersonnen habe, doch ziemlich einzig auf der Welt, zumal es schon da gewesen sei, bevor überhaupt etwas da gewesen sei, auch wenn es in plötzlichem Zorne mal seinen Verstand vergessen und alles vernichten könne, zumal dann, wenn es um vermeintlich letzte Fragen ginge, um die Frage nach Alpha und Omega, Anfang und Ende, nicht zuletzt um das Finale seines sinnlosen Werks, seines nicht minder sinnlosen Plans oder aber eines sinnlosen Gedankens oder eines nicht minder sinnlosen und obendrein jeder Grammatik entbehrenden Satzes.

© W.Sofsky 2017

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