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Wolfgang Sofsky
Dino Campana: Weiße Zelle

„Im Veilchenblau der Nacht vernehme ich Gesänge im Bronzeton. Die Zelle ist weiß, die Pritsche ist weiß. Die Zelle ist weiß. erfüllt von einem Stimmenschwall engelhaft in den Wiegen ersterbend, von engelhaft bronzenen Stimmen erfüllt ist die weiße Zelle. Stille: Veilchenblau der Nacht: in Arabesken von den weißen Gitterstäben die Bläue des Traums. Ich denke an Anika: einsame Sterne über verschneiten Bergen: einsame weiße Straßen: dann Kirchen aus Marmor, weiß: Anika singt auf den Straßen: ein höllenäugiger Spaßmacher führt sie, schreit. Jetzt mein Dorf im Gebirge. Ich am Geländer des Friedhofs gegenüber der Bahnstation, wie ich den schwarzen Weg der Lokomotiven hinauf-und hinunterblicke. Noch ist es nicht Nacht; vieläugige feurige Stille: die Lokomotiven verschlingen wieder und wieder die schwarze Stille des Wegs durch die Nacht. Ein Zug: schwillt ab, kommt an in der Stille, steht: der Purpur des Zuges ein Biß in die Nacht: vom Geländer des Friedhofs die roten Augenhöhlen, die anschwellen in der Nacht dann wandelt sich alles in Dröhnen: An einem Wagenfenster ich auf der Flucht? ich, die Arme erhoben im Licht!! (der Zug fährt dröhnend wie ein Dämon unter mir vorbei).“ 

Dino Campana floh sein ganzes Leben vor Institutionen und landete am Ende für immer in der totalen Anstalt. Seine „Orphischen Gesänge“, verfaßt zwischen 1906 und 1913, berichten von realen Lebensreisen zwischen Traum und Wachbewußtsein, zwischen Nacht und Tag. Die Verse und Prosagedichte gelten als Schlüsselwerk der modernen Poesie. Der „Sogno di prigione“ (Gefängnistraum)  fehlte in der ersten Fassung der Gesänge, Campana schrieb ihn vermutlich erst 1914. Man kann ihn autobiographisch als Antizipation seiner letzten Lebensphase lesen, aber auch als Kunstwerk literarischer Koloristik.

Campana kam 1885 im toskanischen Städtchen Marradi zur Welt. Zur Schule ging er in Marradi und Faenza, die letzte Klasse jedoch absolvierte er wegen ungenügender Leistungen und fehlender Disziplin in einem Internat bei Turin. Im Sommer 1903 bestand er die Aufnahmeprüfung zur Militärakademie in Modena, schrieb sich aber zugleich in Bologna für Chemie ein; ein Jahr darauf wechselte er nach Florenz, fiel nach einem Studienjahr durch alle Examina und kehrte nach Bologna zurück. Im Frühjahr 1906 trieb es ihn nach Mailand, in Genua wurde er von der Polizei angehalten und wieder nach Marradi heimgeschickt. Im Mai begleitete ihn der Vater zu einem Psychiater. Kurz darauf floh Campana nach Mailand, in die Schweiz, nach Frankreich, von wo man ihn wieder nach Hause schickte. Am 5. September 1906 lieferte ihn die Obrigkeit von Marradi, dem Fixpunkt seines unsteten Lebens, ins Irrenhaus von Imola ein. Dort wurden ihm die zivilen Rechte entzogen. Dennoch kehrte er Ende Oktober auf Wunsch des Vaters nach Hause zurück, als Verwirrter und Verrückter.

Im Herbst 1907 erhielt Campana einen Paß für Buenos Aires, wohin er sich von Genua aus einschiffte. In Argentinien reiste er mit dem Zug bis nach Bahia Blanca, wo er sich als Gelegenheitsarbeiter durchschlug. Anfang 1909 fuhr er auf einem Frachter nach Antwerpen, an der Grenze nach Frankreich wurde er aufgegriffen und in Toumai eingesperrt. Da in seiner Heimatstadt Marradi niemand etwas von ihm wissen wollte, dauerte es trotz eines medizinischem Zeugnisses Monate bis zur Ausreiseerlaubnis. Im Herbst 1910 war Campana unterwegs von Marradi zum franziskanischen Pilgerort La Verna.

Von nun an bewegte sich Campana zwischen Florenz, Bologna, Genua und Marradi, verkehrte unter Studenten, Literaten, im Zirkel der Florentiner Futuristen und im Hafenviertel von Genua. Regelmäßig hatte er mit der Polizei zu tun. Im Sommer 1913 findet man ihn auf Sardinien, dann wieder in Marradi, wo er sich an die Reinschrift der „novelle poetiche e poesie“ machte, die in den letzten zehn Jahren entstanden waren. Nach ein paar Monaten als Saisonarbeiter in Bem ließ Campana 1914 in Marradi 1000 Exemplare des Buches drucken, dem er nun den Titel „Canti Orfici“ gab. In Florenz bot er das Werk zum Kauf an, die Polizei wurde aufmerksam, da die germanophile Widmung unangenehm auffiel. Erneut floh Campana nach Sardinien, dann in die Schweiz.

Bei Kriegsausbruch meldete er sich freiwillig, wurde aber nach wenigen Tagen von der italienischen Armee als dienstuntauglich entlassen und nach Marradi abgeschoben. Dort lag er mit Syphilis im Krankenhaus. Starke Kopfschmerzen quälten ihn – und fixe Ideen. Er stritt sich mit der Polizei herum und forderte den Direktor einer Zeitung zum Duell, das mangels Sekundanten ausfiel. Er verliebte sich heftig in Sibilla Aleramo, der Schriftstellerin, Feministin, Futuristin, Sozialistin,  Faschistin und späteren Kommunistin, welche die Canti Orfici mit Begeisterung gelesen hatte; die Affaire dauerte einige Monate. 1918 erklärte ihn ein Gericht für geisteskrank. Im Castel Pulci in Florenz litt er anfangs unter Delirien. Einen Psychiater, mit dem er zwischen 1926 und 1930 vielfach redete, hielt er für einen „Agenten des Königs“. Schließlich beruhigte sich Campana, der unstet Getriebene. Ende 1931 verbesserte sich sein Zustand, am 1.März 1932 starb er – unerwartet.

Läßt man die Biographie beiseite, so muß man sich bei der Betrachtung des Textes zunächst den Farben widmen. Das Blau der Nacht und das Weiß der Zelle scheinen noch der primären Wirklichkeit zu entsprechen. Aber das Weiß ist die Summe aller Farben, in dem alle Farben verschwunden sind. Das Weiß klingt wie ein Schweigen, doch ist es erfüllt von „engelhaft bronzenen Stimmen“. Weiß sind die Gitterstäbe der Zelle, die Wände, die Pritsche, der Boden, weiß ist der Schnee in den Bergen jenseits der Zelle, draußen in der Welt der Imagination, weiß sind die einsamen Straßen, die Kirchen aus Marmor. Die Phantasie, die sich im Nichts der Zelle regt, läßt zunächst auch die Welt in kaltem Weiß erscheinen, wären da nicht die bronzenen, goldenen, warmen Stimmen, welche die kahle Welt der Wirklichkeit, die Stille, das Nichts ganz ausfüllen. Engelsstimmen schwellen an und dringen durch das Weiß der Wände, durchdringen die Gitterstäbe, die Traumstimmen überwinden das Gefängnis. Draußen: Anika, das heimatliche Dorf, nicht mehr das Fenstergitter, sondern das Geländer des Friedhofs, die Bahnstation, der Ort der Ankunft und Abreise, der Gegenort der Gefangenschaft, der weißen Zelle. Nicht länger ist diese imaginäre Welt weiß, diese Welt der Bewegung, des Fahrens, der Flucht. Die schwarzen Lokomotiven, Feuer speiend, „verschlingen die schwarze Stille des Wegs durch die Nacht.“ Ein Zug verklingt in der Stille der Nacht, das blutige Purpurrot beißt sich ins finstere Höllenschwarz. Rote Augenhöhlen, Lampen, Feuerglut nähern sich, bis alles in Dröhnen übergeht. Weiß und Schwarz, Goldbronze und Feuerrot, Stille und Krach, Innen und Außen, Realität und Imagination, Zelle und Friedhof, die Gitterstäbe des Einschlusses und das sichere Geländer des Geleits, Gefangenschaft und Bewegung, Flucht, alle diese Oppositionen sind in dem Gefängnistraum gegenwärtig. Folgt man der Zeitlinie dieser Prosa, scheint sich die biographische Fluchtbewegung im Text zu wiederholen. Doch fährt der Träumende nicht mehr mit dem Zug davon, er entkommt der weißen Zelle ebensowenig wie der schwarzen Welt des Friedhofs, des Todes. Obwohl er sich im Licht der Freiheit wähnt und begeistert die Arme hebt, dem hellen Lichtschein entgegen – der Zug fährt vorbei.

© W.Sofsky 2017

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