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Wolfgang Sofsky
Mondrian: Komposition 10 in Schwarzweiß

Piet Mondrian, den man gelegentlich den „Priester im Dienst der weißen Fläche“ nannte, versuchte sich 1915 an einer „Komposition Nr. 10 in Schwarzweiß“, aus der jede weitere Farbe verbannt ist. Manche Betrachter fühlten sich durch den „Rhythmus“ der horizontalen und vertikalen Linien an Meereswellen erinnert, wobei man oben einen Horizont zu sehen glaubte, in der unteren Mitte dagegen eine ins Meer ragende Mole. Das Bild trug auch den Titel „Sternennacht“ oder „Weihnachtsnacht“. Die radikale Unbestimmtheit abstrakter Kompositionen setzt für wuchernde Phantasien keine Grenzen. Einige Linien ergeben auch Grabkreuze, Doppelkreuze, Taus, T-Träger, Flugzeuge oder Bettgestelle. Es liegt jedoch in der Natur des Abstrakten, daß ein Bild von jedem Sinn radikal abstrahiert und daher ohne Bedeutung ist. Seine Wirkung besteht in der variablen Regelmäßigkeit von Strichen innerhalb einer elliptischen Fläche mit Verdichtungen, Klumpungen, Knoten, Dehnungen, und zwar in einer weißen Grundfläche, die von hellem Grau umgeben ist, einem Grau, das sich ergäbe, wenn man das sinnlose Weiß mit dem ebenso sinnlosen Schwarz der Striche vermischen würde. Wer es mit der Bedeutung partout nicht lassen will und längere Zeit aufs Bild blickt, der kann in dem regelmäßigen Wirrwarr der Striche tatsächlich ein großes Kreuz angedeutet sehen, das aus dem Hintergrund der gesamten elliptischen Fläche hervorzutreten scheint.

© WS 2017

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