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Wolfgang Sofsky
Die Farbe töten

Von japanischen Tee-Meistern wird gerne ein Gedicht von Fujiwara Teika (1162-1241) zitiert:

„Rundum sind keine blühenden Blumen zu sehen.
Ich sehe keine auffallenden Ahornblätter,
Ich sehe nur eine einsame Fischerhütte,
Am Meeresstrand, in der Dämmerung des Herbstabends.“

Der Tee-Raum, insbesondere jener des Rikyu-Stils, ist nur eine schmale Hütte für fünf Personen. Die Einrichtung ist einfach und reinlich, geradezu trostlos. Es gibt keine lauten Töne, keine voluminösen Gegenstände. Der Raum ist fast leer, abgesehen von dem Geschirr von vornehmer Einfachheit. Nichts unterbricht die Stille außer dem kochenden Wasser im Eisentopf. Es ist ein Raum der Farblosigkeit. Die Farben sind getötet, d.h. so abgedämpft und unaufdringlich wie möglich. Diese Dekolorisation führt letztlich zum Schwarzweiß . Die Monochromie ist die Abwesenheit der Farben. Doch entsteht diese Abwesenheit durch die Dämpfung, die Tötung der Farbe, in welcher der vorige Zustand in der Erinnerung noch gegenwärtig sein kann. Die Realität negiert, löscht die Vorstellung von Pracht und Farbigkeit, mit der man den Raum betreten hat: nirgends blühende Blumen, nirgends auffallende, bunte Ahornblätter. Die Vorstellung glänzender, üppiger Farben wird auf eine blaße tonlose Grundfarbe zurückgeführt, auf eine Farbe, die keine Farbe mehr ist. In dieser farblosen Welt steht die Fischerhütte allein am grauen Meer im grauen Herbstnebel.  Dies ist die Annäherung an die Leere der Monochromie, die jedoch nur derjenige zu schätzen weiß, der jemals die blühenden Blumen und farbigen Blätter aufmerksam angeschaut hat. Die Farbaskese wird zum Weg in die geistige Einsamkeit. Der Vorgang der Dekolorisation gibt ein fernöstliches Exempel für das, was im Westen mit Theoria auch gemeint sein könnte.

© W.Sofsky 2017

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