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Wolfgang Sofsky
Lügen in Politik und Religion

Die Rhetorik der demokratischen und religiösen Propaganda ist in der Regel keine gezielte Manipulation, keine willentliche Täuschung, keine Lüge, die das Publikum für dumm verkauft. Auf den korrupten Mandatsträger, den machtgierigen Minister oder hinterlistigen Kanzelprediger kommt es nicht an. Diese Kritik der Politik und Religion greift entschieden zu kurz. Politik, Presse oder Propheten notorische Lügen vorzuhalten, verfehlt den Sachverhalt. Diese Kritik denkt lediglich nach dem Modell des Priesterbetrugs: der Politiker/Prediger/Journalist ein frömmelnder Hochstapler, ein Blender und Beutelschneider, ein zynischer Falschspieler, der das ahnungslose, abergläubische Publikum hinters Licht führt. Davon kann in der Mehrzahl der Fälle keine Rede sein. Viele Redner/Schreiber bemühen sich wirklich um das, was sie für die Interessen aller halten, sie arbeiten hart, und sie glauben in der Tat an das, was sie sagen. Wer lügt, kennt die Wahrheit und sagt willentlich die Unwahrheit. Keine Lüge ohne das Bewußtsein der Lüge. Von den hier genannten Subjekten indes gilt: Sie hintergehen das Publikum, aber sie merken nicht, daß sie es hintergehen. Sie betrügen sich selbst, erkennen aber ihren Selbstbetrug nicht. Sie meinen, für andere zu sprechen, aber sie sprechen nur für sich selbst. In gutem Glauben halten sie sich selbst für jemand anderen, als sie wirklich sind. Ihr Gerede entpringt  nicht dem trüben Gehirnen zynischer Demagogen, ihre Moralpredigten, ihr Wertegeschwafel, ihr hoher Ton entspringt ihrer selbstgesetzten Mission. Ohne den unbedingten Willen zum Selbstbetrug ist ihr sozialer Betrug unmöglich. Zu Arglist und Tücke fehlt ihnen die Distanz, zu sich und zur Sache. Zum wahren Betrug fehlt ihnen die Boshaftigkeit. In Nietzsches unübertroffener Diagnose (Menschliches, Allzumenschliches I,52):

„Bei allen großen Betrügern ist ein Vorgang bemerkenswert, dem sie ihre Macht verdanken. Im eigentlichen Akt des Betrugs, unter all den Vorbereitungen, dem Schauerlichen in Stimme, Ausdruck, Gebärden, inmitten der wirkungsvollen Szenerie überkommt sie der Glaube an sich selbst: dieser ist es dann, der dann so wundergleich und bezwingend zu denUmgebenden spricht. Die Religionsstifter unterscheiden sich dadurch von jenen großen Betrügern, daß sie aus diesem Zustand der Selbsttäuschung nicht herauskommen: oder sie haben ganz selten einmal jene helleren Momente, wo der Zweifel sie überwältigt; gewöhnlich trösten sie sich aber, diese helleren Momente dem bösen Widersacher zuschiebend. Selbstbetrug muß da sein, damit diese und jene großartig wirken. Denn die Menschen glauben an die Wahrheit dessen, was ersichtlich stark geglaubt wird“.

© W.Sofsky 2017

 

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