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Wolfgang Sofsky
Erich Mühsam: „Macht kann nicht sein, wo keine Ohnmacht ist.“

Vierzehn Monate saß Erich Mühsam in den Zuchthäusern (Plötzensee, Brandenburg) und KZs (Sonnenburg, Oranienburg) der Nationalsozialisten in „Schutzhaft“, dann brachte ihn die SS in der Nacht des 10. Juli 1934 um. Sie schlugen ihn, injizierten ihm Gift, legten ihm eine Schlinge um den Hals und hängten ihn in der Latrine auf. Eine Woche zuvor war Theodor Eicke, der spätere Erfinder des Dachauer KZ-Modells und Generalinspekteur aller Lager, mit 150 SS-Leuten angerückt und hatte die SA-Wachleute entwaffnet. Drei Tage später wurde das KZ in der Alten Brauerei von Oranienburg aufgelöst, die überlebenden Häftlinge brachte man nach Lichtenburg.

Erich Mühsam war, neben Ernst Toller, Ernst Niekisch und seinem „Lebensfreund“ Gustav Landauer, eine der Leitfiguren der Münchener Novemberrevolution und Räterepublik, wofür man ihn zu fünfzehn Jahren Festungshaft verurteilte. Nach knapp sechs Jahren wurde zu Weihnachten 1924 im Rahmen einer Generalamnestie freigelassen. Schon im März 1918 hatte man ihn wegen Streikaufrufen in Traunstein eingesperrt, nach wenigen Wochen aber wieder entlassen. 1915 saß er wegen Kriegsdienstverweigerung ein halbes Jahr im Zuchthaus. Und schon im Februar 1910 hatte man ihn wegen „Geheimbündelei“ kurzzeitig festgesetzt und angeklagt, später jedoch freigesprochen.

Ein alleseits „rebellisches Subjekt“ war Erich Mühsam, Literat, Anarchist, Kritiker der Sozialdemokratie, später auch der USPD und KPD, aus der er nach wenigen Wochen wieder austrat, aber auch der „Föderation kommunistischer Anarchisten“, die ihn 1925 ausschloß – wegen angeblicher Nähe zur KPD. 1931 entfernte ihn der „Schutzverband Deutscher Schriftsteller“ aus seiner Mitgliederkartei, wegen Verletzung der „Überparteilichkeit“. Gegner und Feinde hatte Mühsam zuhauf, bei Linken wie Rechten, aber er hatte auch Freunde, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Frank Wedekind oder Erwin Piscator, in dessen Berliner Bühnenbeirat er 1927 saß. Unermüdlich organisierte er die Opposition gegen die Autorität, gegen das Kapital, den Staat, den Krieg, gegen linken Konformismus und gegen die Nazi-Bewegung. Ebenso unermüdlich schrieb er: Satiren, Kampflyrik, Gedichte, Abhandlungen, Manifeste, Tagebücher, Memoiren, Dramen, darunter das Dokumentarstück für die Piscator-Bühne: „Staatsräson. Ein Denkmal für Sacco und Vanzetti“. Wenn niemand ihn drucken wollte, gab er seine Schriften selbst heraus. 1911-14 und 1918/19 war er Alleinautor der Monatsschrift „Kain. Zeitschrift für Menschlichkeit“, von 1926 bis 1931 des Monatsmagazins „Fanal“, in dem er den Niedergang der Weimarer Republik analysierte.

Mühsam soll ein freundlicher, wenngleich etwas aufgeregter Zeitgenosse gewesen sein. Ein Antipode mit gewissen Sympathien für anarchische und allerdings (national)revolutionäre Gedanken, Ernst Jünger, schilderte im Rückblick eine Begegnung um 1930 in seinem Kriegstagebuch „Strahlungen II“: „Mühsam lernte ich bei Ernst Niekisch kennen, den ich häufig aufsuchte. Ich glaube, auch Toller war an jenem Abend dabei. Sie kannten sich aus der Zeit der Münchener Räterepublik, mit der sich die Linke eine ähnliche Absurdität wie später die Rechte mit dem Kapp-Putsch leistete. Wir kamen in ein angeregtes Gespräch, Mühsam begleitete mich auf dem Heimwege. Er war Bohemien vom Schlage Peter Hilles, weltfremder Anarchist, verworren, kindlich-gutmütig… Er redete in flatterndem Mantel wild, beinahe schreiend auf mich ein, so daß sich die Passanten nach der seltsamen Erscheinung umwandten, die an einen großen unbeholfenen Vogel erinnerte. Wir tauschten einige Briefe, bis kurz vor seiner Verhaftung; schreckliche Gerüchte sickerten bald über sein Schicksal durch… Er war einer der besten und gutmütigsten Menschen, denen ich begegnet bin.“

Die Neigung zur Bohème war beiden Autoren gemeinsam. Aber der Chemikersohn Jünger spielte im Berlin der 20er Jahre eher mit dieser Existenzform, während der Apothekersohn Mühsam viele Jahre in der Schwabinger Bohème verbracht hatte. Er wußte, daß diese Lebensform kein Spaß ist, daß sie aber einen Vorzug hat, und zwar über alle Klassen- und Standesschranken hinweg: die Freiheit.

„Meine eigene Lebensführung entsprach so wenig den Anforderungen grundsatzfester Zeitgenossen an geregelte Ausgeglichenheit, daß das Bestreben, mich doch wie jeden Menschen irgendwo einzuordnen, nur durch die Etikettierung als Bohemien erreicht werden konnte. Die mit dieser Bezeichnung verbundenen Assoziationen werden gemeinhin von Murgers Zigeunerleben und Puccinis Oper hergeleitet, wo materielle Kalamitäten so lange mit leichtsinnigen Scherzen verpflastert werden, bis die Kunstjünger arrivieren und die Kapitulation vor sittenstrammer Moral und staatsbürgerlicher Korrektheit vollziehen. Man braucht nur an die ganz großen Bohemenaturen der Weltliteratur, etwa an Li Tai Pe oder François Villon, zu erinnern, um die Seichtigkeit solcher Vorstellungen zu zeigen. Ich habe gewiß viele recht vergnügte Stunden in Gesellschaft künstlerischer Menschen verlebt, und wir haben uns gewiß, wenn kein Geld da war, mit allerlei gewagten Mitteln zu helfen gesucht, weniger, um uns zu amüsieren, als um in häufig schlimmster Not unsere Kameradenpflicht zu erfüllen, aber daß das sozusagen organisierte Bummeln den Lebensinhalt geistig bewegter Persönlichkeiten ausgemacht hätte, dafür habe ich kein Beispiel gefunden. Weder Armut noch Unstetigkeit ist entscheidendes Kriterium für die Boheme, sondern Freiheitsdrang, der den Mut findet, gesellschaftliche Bindungen zu durchbrechen und sich die Lebensformen zu schaffen, die der eigenen inneren Entwicklung die geringsten Widerstände entgegensetzen.

Stimmt die Definition, dann habe ich nichts gegen meine Charakterisierung als Bohemien einzuwenden, dann ist aber auch klar, daß Boheme eine angeborene Eigenschaft von Menschen ist, die sich dadurch nicht ändert, daß der Freiheitswille nicht auf die Führung des eigenen Lebens in größtmöglicher Ungebundenheit beschränkt bleibt, sondern sich in Arbeit für die soziale Befreiung aller umsetzt. Bewußt oder geahnt – der Rebellentrotz der Fronde war bei all den Bohemenaturen lebendig, die nur je meinen Weg gekreuzt haben, ob sie sich aus dumpfen Proletarierkreisen, aus bigottischer Kleinbürgeratmosphäre, aus behütetem Bürgerwohlstand oder aus dem Museumsstaub adliger Herrenschlösser zur Freiheit der Künste und zur Geselligkeit auf sich selbst gestellter Menschen geflüchtet hatten“ (E.Mühsam, Unpolitische Erinnerungen, Berlin 1927).

Wie jeder Anarchist, der den diesen Ehrennamen verdient, hatte Mühsam die Aversion gegen jedwede Macht im Leib. Er träumte von ursprünglicher Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Gemeinschaft auf Wechselseitigkeit, doch bedeutsamer als die Träume ist die kompromißlose Kritik der Macht, einschließlich der demokratischen Herrschaftsform. Vergesellschaftung des Staates, Beseitigung der Zentralmacht, Selbstverfügung in Gesellschaft, dies gehörte zu Mühsams Leitideen. Seine letzte Schrift von Anfang 1933, erschienen in einer letzten Sondernummer von „Fanal“, handelt von der „Befreiung des Gesellschaft vom Staat. Was ist kommunistischer Anarchismus?“ In diesem Vermächtnis findet sich auch eine, weiterhin aktuelle Passage zur Kritik der Demokratie. :

„Die Verneinung der Macht in der gesellschaftlichen Organisation ist das maßgebliche Wesensmerkmal der Anarchie, oder, um dieser verneinenden Erklärung die bejahende Form zu geben: der Anarchismus kämpft anstatt für irgendeine Form der Macht für die gesellschaftlich organisierte Selbstverfügung und Selbstentschließung der Menschen. Unter Macht ist jede Inanspruchnahme oder Einräumung von Hoheitsbefugnissen zu verstehen, durch die die Menschen in regierende und regierte Gruppen getrennt werden. Hierbei spielt die Regierungsform nicht die geringste Rolle. Monarchie, Demokratie, Diktatur stellen als Staatsarten nur verschiedene Möglichkeiten im Verfahren der zentralistischen Menschenbeherrschung dar. Wenn die Demokratie sich darauf beruft, daß sie dem Volksganzen die Beteiligung an der öffentlichen Verwaltung mit gleichem Stimmrecht für alle gewährt, so ist daran zu erinnern, daß gleiches Stimmrecht nichts mit gleichem Recht zu tun hat und daß die Aussonderung von Abgeordneten eben die Beteiligung der Aussondernden an der Verwaltung verhindert und ihre Vertretung durch einander ablösende Machthaber bedeutet. Wo es Vorrechte des Besitzes gibt, kann kein formales Gleichsetzen von Stimmen wirkliche Gleichheit schaffen, ebensowenig wo die Selbstbestimmung der Menschen sich durch Verleihung von Macht ablösen läßt. Macht beruht immer auf wirtschaftlicher Ueberlegenheit, und die Abschaffung wirtschaftlicher Ueberlegenheit bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung von Macht bewirkt unter allen Umständen das Bestreben derer, die über die Macht verfügen, sie durch Neugewinnung wirtschaftlicher Ueberlegenheit zu sichern. Jeder auch nur zeitweilige Gesetzgeber, sei er Landesoberster, Minister oder Parlamentarier, fühlt sich über diejenigen, denen er Vorschriften machen darf, emporgehoben, wird also, auch wenn er es vorher nicht war, Sachwalter einer vom Ganzen gelösten Oberschicht mit anderen, gesteigerten Bedürfnissen und Lebenszielen, hört auf, der Klasse anzugehören, die sich nach den Gesetzen und Vorschriften zu richten hat. Das zeigt sich schon bei den zentralistisch organisierten Arbeitervereinigungen. Hier wird eine beamtete Führerschaft mit dem Vorrecht ausgestattet, die Richtlinien für das Verhalten und die Verpflichtungen der übrigen zu bestimmen, es entsteht Befehlsgewalt, Obrigkeit, Macht. Dadurch entsteht weiterhin eine grundsätzliche Scheidung der Interessen mit der Folge, daß der Kopf der Organisation ein Eigenleben gegenüber den Gliedern führt und daß die Verwaltung der Organisation Selbstzweck wird und stets seine Bedürfnisse wichtiger nimmt als die Aufgaben, derentwegen die Organisation geschaffen wurde.

Es liegt im Wesen der Macht, nicht nur ihre Erhaltung mit allen Mitteln zu verteidigen, sondern sich materiell und ideell immer stärker zu machen, ja, ihre Ausdehnung und Kräftigung als einzigen Inhalt allen ihrer Handlungen zugrunde zu legen. Menschen und gesellschaftlich lebenden Tieren ist das Machtstreben nicht angeboren. Erst jahrtausendelange Gewöhnung an Vorrecht und Entrechtung hat die Menschen, nur sie, zu dem Glauben gebracht, es sei in ihrer Natur bedingt, daß der Wettstreit um den Platz an der Sonnenseite des Daseins in der Form von Machtkämpfen geführt werden müsse. Gerade aber erst die Machtkämpfe haben mit der Spaltung des Menschengeschlechts in Herrschende und Beherrschte verursacht, daß es eine Sonnenseite und eine Schattenseite des Lebens gibt. Macht kann nicht sein, wo keine Ohnmacht ist. Wer nach Macht strebt, kann sein Ziel nur erreichen, indem er andere ohnmächtig macht.“

© W.Sofsky 2017

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