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Wolfgang Sofsky
Der Glaube an die Macht und die Macht des Glaubens

In der 227. Betrachtung über „Menschliches, Allzumenschliches“ erörtert Friedrich Nietzsche die stabile Grundlosigkeit vieler Institutionen, Tätigkeiten, Überzeugungen. Der unübertroffene Diagnostiker menschlicher Torheiten beschreibt die Fadenscheinigkeit des „Vertrauens“, dessen Schwinden von Politik, Laien- und Expertenpublizistik so lautstark beklagt wird:

Aus den Folgen auf Grund und Ungrund zurückgeschlossen. – Alle Staaten und Ordnungen der Gesellschaft: die Stände, die Ehe, die Erziehung, das Recht, alles dies hat seine Kraft und Dauer allein in dem Glauben der gebundenen Geister an sie, – also in der Abwesenheit der Gründe, mindestens in der Abwehr des Fragens nach Gründen. Das wollen die gebundenen Geister nicht gern zugeben und sie fühlen wohl, dass es ein Pudendum ist. Das Christentum, das sehr unschuldig in seinen intellektuellen Einfällen war, merkte von diesem Pudendum nichts, forderte Glauben und nichts als Glauben und wies das Verlangen nach Gründen mit Leidenschaft ab; es zeigte auf den Erfolg des Glaubens hin: ihr werdet den Vorteil des Glaubens schon spüren, deutete es an, ihr sollt durch ihn selig werden. Tatsächlich verfährt der Staat ebenso und jeder Vater erzieht in gleicher Weise seinen Sohn: halte dies nur für wahr, sagt er, du wirst spüren, wie gut dies tut. Dies bedeutet aber, daß aus dem persönlichen Nutzen, den eine Meinung einträgt, ihre Wahrheit erwiesen werden soll, die Zuträglichkeit einer Lehre soll für die intellektuelle Sicherheit und Begründetheit Gewähr leisten. Es ist dies so, wie wenn der Angeklagte vor Gericht spräche: mein Verteidiger sagt die ganze Wahrheit, denn seht nur zu, was aus seiner Rede folgt: ich werde freigesprochen. – Weil die gebundenen Geister ihre Grundsätze ihres Nutzens wegen haben, so vermuthen sie auch beim Freigeist, daß er mit seinen Ansichten ebenfalls seinen Nutzen suche und nur das für wahr halte, was ihm gerade frommt. Da ihm aber das Entgegengesetzte von dem zu nützen scheint, was seinen Landes- oder Standesgenossen nützt, so nehmen diese an, daß seine Grundsätze ihnen gefährlich sind; sie sagen oder fühlen: er darf nicht Recht haben, denn er ist uns schädlich.“

Hierbei ist weniger bedeutsam, daß sich der gebundene Gläubige auf einen vermeintlichen Nutzen beruft, um die „Wahrheit“ seines Glaubens zu beweisen. Wichtiger ist der subversive Hinweis auf die Glaubensgrundlage von Macht und Institution. Glaube ist eine Machtquelle eigener Art (nicht zu verwechseln mit dem Glauben an die Legitimität eines Machtvorsprungs). Glauben bindet, tilgt Freiheit. Glaube nur recht fest an Gott, sagen dessen Prediger, denn so wirst Du selig werden. Glaube nur recht fest an das, was ich Dir erkläre, sagt der Lehrer, denn so wirst Du klüger werden. Glaube nur recht fest an das, was ich Dir verspreche (bis in den Tod) sagt der/die Angetraute, denn so wirst Du glücklich werden. Glaube nur recht fest an das, was ich ankündige (Steuererleichterung, Sicherheit, Bildung für alle, Gerechtigkeit etc.,) sagt der Wahlkämpfer, denn so wird es Dir besser ergehen. Glaube nur recht fest, was ich verkünde, sagt der Moralapostel, denn dann wirst Du gut werden. Glaube nur recht fest, was im Antrag steht, sagt der akademische Drittmittelantragsteller, denn so wird die gemeine Forschung voranschreiten. Glaube nur recht fest an mich, sagt der Machthaber, denn so wirst Du sicher und geborgen sein. Glaube nur recht fest an das Gesetz, sagen Richter, Anwälte und Henker, denn so wird alles gerecht zugehen. Glaube nichts, sagt der Freigeist, denn so wird Dir niemand etwas vormachen, was nicht der Fall ist.

© WS 2017

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