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Wolfgang Sofsky
Arno Schmidt: Wider das Gerede von der „christlich-abendländischen Kultur“

In seinem noch immer lesenswerten Essay „Atheist?: Allerdings!“ von 1957 wendet sich Arno Schmidt auch gegen die Floskel von der „christlich-abendländischen Kultur“, nicht um – in einem Akt spezieller zeitgenössischer Torheit – dem Islam Tür und Tor zu öffnen, sondern um die Grundlage abendländischer Kultur freizulegen: „la lumière sans phrase“.

Was hat das Christentum zur Entwicklung des Guten, Wahren und Schönen beigetragen? Hier über die Religion und das Schöne:

„Des Schönen?: Wenn wir Künstler lediglich auf die Antriebe und Arbeitshypothesen des Christentums angewiesen wären : höchste Spitze wären Dostojewskijfiguren; Menschen ohne Renaissance; sündig-formlos; weichselzöpfige Trolle, Brackwässer des Geistes tretende; in rotten boroughs kauernde; und literarische Schwedentrünke vomierend à la: „Es danket DIR mit Herz und Mund / die arem, sünd’ge Made. / DEIN Leichnamsduft durchweh‘ dies Haus, / DEIN Blut bespreng‘ die Herzen … “ (ob der betreffende Verfasser wohl jemals kriegerische Leichenfuder gerochen hat? Ich ja!).

Und man soll mir nicht nur Beschäftigung mit der Dichtung vorwerfen können; nicht nur Berufung auf den großen Bruder Goethe, ihn, dem das Kreuz verhaßt war wie Wanzen, Rauch des Tabaks, Knoblauch und Hundegebell. Wieviel hat nicht die Kirche den Malern zu verdienen gegeben, was? Die rechte Antwort ist längst gegeben : „Indem der himmlische Sinn des Guido, sein Pinsel, der nur das Vollkommenste, was geschaut werden kann, hätte malen sollen, Dich anzieht – : so möchtest Du gleich die Augen von den abscheulich dummen, mit keinen Scheltworten der Welt genug zu erniedrigenden Gegenständen wegwenden – man ist immer auf dem Schindanger! Entweder Missetäter oder Verzückte, Verbrecher oder Narren; wo denn der maler, um sich zu retten, einen nackten Kerl, eine hübsche Zuschauerin herbeischleppt. Unter zehn Sujets nicht eins, das man hätte malen sollen : und das eine hat der Künstler nicht von der rechten Seite nehmen dürfen. Ein ‚Johannes in der Wüste‘, ein ‚Sebastian‘, wie köstlich gemalt; und was sagen sie? : der Eine sperrt das Maul auf; der Andere krümmt sich!“ (Wie hätte Malerei denn auch sollen gedeihen können, wo jahrhundertelange ikonoklastische Stänkereien ihr oftmals den Boden gänzlich unter den Füßen wegzogen?!)

Das Christentum ist nämlich – trotz aller später hinzuerfundenen „Niederen Mythologie“ seiner Heiligen, oder der schüchtern fabulierenden Legenden – künstlerisch einfach nicht konkurrenzfähig! Nicht gegenüber der Gestalten- und Gedankenfülle der Antike; nicht gegenüber dem Material der Geschichte oder der Naturwissenschaften – kurz : nicht gegenüber dem von ihm überheblich vernachlässigten, ja verleumdeten, dem Künstler aber unentbehrlichen (weil zur Gestaltung aufgegebenen) Leben schlechthin!

(Ich protestiere an dieser Stelle feierlich gegen die heute unaufhörlich kursierende falsche Wortmünze von der „christlich-abendländischen Kultur“. Eine „christliche Kultur“ ist, eben wegen der dort grundsätzlichen Diffamierung von Kunst und Wissenschaft, ein Widerspruch in sich! Unsere abendländische Kultur, auf Altertum und Renaissance geruhend, ist im härtesten Kampf gegen die ausgesprochen kulturhemmenden Kräfte des Christentums entstanden! Also Schluß endlich mit dem klangvoll-widersinnigen Silbenfall!)…

Gibt denn niemand die Tatsache zu denken, daß von unserem großen Sechsfachgestirn – Goethe,Herder, Klopstock, Lessing, Schiller, Wieland: nie sah die Welt gleichzeitig ihresgleichen!-, daß von diesen Sechsen nicht einer katholisch war; dafür aber drei – die besseren Drei! erklärte Feinde jeder positiven Religion, deutlicher: des Christentums?!“

 © WS 2017
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