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Wolfgang Sofsky
Blechkannen

Am Himmel fliegen Fische dahin, auf der Wüstenerde winkt die Dame den Koloß herbei. Tief bebt und dröhnt es unter seinem Tritt. Sie hat den Kopf schon verloren und die Brüste entblößt. Aus seinem Panzerleib spähen unsichtbare Augen herüber. Ein Rüssel wächst ihm aus der Kuppel, saugt sich fest am Kopf eines Stiers, dessen Haupt nach der Schönen giert. Hinter dem Koloß ragen aus Elfenbein die Stoßzähne hervor. Ein Ausguck ist auf den Scheitel montiert, Blechkannen sind zu einem Turm gestapelt, ein gelbgrüner Ball schwebt vor sich hin. Vor dem Monstrum balanciert ein blauer Bleistift auf der Spitze. Was soll er schreiben, was man nicht schon sehen kann? Der rote Handschuh der Schönen erregt das tonnenschwere Biest, der Stierschädel gleicht dem Kopf eines Bandwurms mit Saugnäpfen, das Wasser der Blechkannen kühlt die Begierde und bewässert die Wüstenei, der Elefant von Celebes hat hinten etwas Gelebes, der Elefant von Borneo hat dasselbe vorneo.

aus: Wolfgang Sofsky, Lautlos. Kurze Geschichten, 2017

Max Ernst malte Celebes im Jahr 1921 in Köln vor seiner Übersiedlung nach Paris.  Sein Freund Paul Éluard kaufte ihm das Gemälde sogleich ab und hing es in seinem Haus in Eaubonne auf, das Ernst später mit Wand- und Türmalereien so ausstattete, daß A.Breton, der selbstbewußte Chefsurrealist bei einem Besuch im November 1923 glaubte, seiner Frau mitteilen zu müssen, daß es „das Scheußlichste sei, was ich je gesehen habe.“ 1932 verkaufte Éluard das Haus, 1938 erwarb der britische Maler, Kunsthistoriker und -sammler Roland Penrose das Bild, 1975 gelangte es über den „Elephant Trust“ – eine von Penrose und seiner Ehefrau, der amerikanischen Fotografin Lee Miller, gegründete Gesellschaft zur Förderung der Kunst in Großbritannien – in die Tate Gallery. Éluard muß das Gemälde sehr beschäftigt haben. In seinem Nachlaß soll sich eine frühere Version des obigen Textes gefunden haben, den WS in die Sammlung der kurzen Geschichten „Lautlos“ aufgenommen hat.

© WS 2017

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