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Wolfgang Sofsky
Aloysius Bertrand: Ondine

Bevor Maurice Ravel 1908 „Ondine“ komponierte, hatte ihm sein belesener Jugendfreund Ricardo Viñes ein Buch von Aloysius Bertrand empfohlen. Es trug den mehrdeutigen Titel „Gaspard de la Nuit“ und enthielt Prosagedichte recht unheimlicher Art, Nachtstücke, die an E.T.A Hoffmanns „Phantasiestücke in Callots Manier“ erinnern, weswegen Bertrand seinem Buch den Untertitel „Fantasiestücke in Rembrandts und Callots Manier verliehen hatte. Der persische Name „Kaspar“ läßt sich mit „Schatzmeister“ übersetzen. Bertrand präsentierte sich als Wahrer funkelnder, geschliffener Verse, als Goldschmied der Sprache. Ravel seinerseits verfügte über einen ungewöhnlichen Sinn für musikalische Eleganz und Klarheit und wählte aus Bertrands „Gaspard“ drei Poeme aus. Während der Kompositionsarbeit im Sommer 1908 ließ er sich die Noten von Franz Liszts „Études d´exéxution transcendante“ schicken, um sich Anregungen für technische und musikalische Grenzsituationen zu beschaffen. Als drei musikalische „Gedichte von transzendenter Virtuosität“ bezeichnete er seinen „Gaspard“. Jedem Poem stellte er das entsprechende Gedicht von Bertrand voran, aber das bedeutet mitnichten, daß die Stücke plane Programmstücke wären. Erst am Ende, wenn Undine, diese kühl glitzernde Nixe, ihr Lied im schillernden Wasser der Arpeggien gesungen hat, vergießt sie einige Tränen, bricht in Gelächter aus und verschwindet. Hier Bertrands Poem:

„Ecoute ! – Ecoute ! – C’est moi, c’est Ondine qui
frôle de ces gouttes d’eau les losanges sonores de ta
fenêtre illuminée par les mornes rayons de la lune;
et voici, en robe de moire, la dame châtelaine qui
contemple à son balcon la belle nuit étoilée et le beau
lac endormi.

„Chaque flot est un ondin qui nage dans le courant,
chaque courant est un sentier qui serpente vers mon palais,
et mon palais est bâti fluide, au fond du lac, dans le
triangle du feu, de la terre et de l’air.

„Ecoute ! – Ecoute ! – Mon père bat l’eau coassante
d’une branche d’aulne verte, et mes soeurs caressent de
leurs bras d’écume les fraîches îles d’herbes, de nénu-
phars et de glaïeuls, ou se moquent du saule caduc et
barbu qui pêche à la ligne ! „
Sa chanson murmurée, elle me supplia de recevoir son
anneau à mon doigt pour être l’époux d’une Ondine, et
de visiter avec elle son palais pour être le roi des lacs.

Et comme je lui répondais que j’aimais une mortelle,
boudeuse et dépitée, elle pleura quelques larmes, poussa
un éclat de rire, et s’évanouit en giboulées qui ruisse-
lèrent blanches le long de mes vitraux bleus.

 

„Horch! horch! Ich bins, Undine ist es, die mit diesen Wassertropfen über die klingenden Rauten deines, durch die matten Strahlen des Mondes beleuchteten Fensters perlt; und da steht im Moirégewand die Schloßherrin auf ihrem Balkon und schaut die schön bestirnte Nacht und schönen schlafenden See.

Jede Welle ist ein Nix, der in der Strömung schwimmt, jede Strömung ist ein Pfad, der sich zu meinem Palast schlängelt, und mein Palast ist aus Wasser gefügt, auf dem Grund des Sees, im Dreieck von Feuer, Erde und Luft.

„Horch! horch! Mein Vater schlägt das quakende Wasser mit einem grünen Erlenzweig, und meine Schwestern liebkosen mit ihren Schaumarmen die firschen Inseln aus Gras, Seerosen und Wasserlilien, oder sie spotten über die gebrechliche und bärtige Weide lustig, die mit den Zweigen angelt.“

Nachdem sie ihr Lied gemurmelt hat, bat sie mich, ihren Ring an meinen Finger zu nehmen, Damit ich Gemahl einer Undine werde und mit ihr in ihren palast ziehe – als König der Seen.

Und als ich ihr antwortete, ich liebte eine Sterbliche, vergoß sie schmollend und verärgert ein paar Tränen, brach dann in schallendes Gelächter aus und zerfloß in einem plötzlichen Schauer, der weiß an meinen blauen Scheiben niederrann.

© W.Sofsky 2017

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