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Wolfgang Sofsky
Kurt Schwitters: Die Nixe

Schwitters war schon drei Jahre im Exil, als ihm im August 1942, vermutlich auf einem Spaziergang am Flußufer, die Ballade von der Nixe einfiel, die manche als Parodie von Goethes Ballade von der Nixe, dem „feuchten Weibe“, mißverstanden haben und sich daraufhin zu tiefgründigen Vergleichen veranlaßt sahen, obwohl lediglich von einer Merz-Nixe die Rede ist, welche wiederum nur eine spezielle Unterart der Dada-Nixe darstellt, woraufhin wiederum tiefgründige Untersuchungen über die Unterschiede von Merz- und Dada-Undinen angestellt werden können, die allerdings zu vielfachem Bebbern führen dürften.

K.Schwitters: Die Nixe

Es war einmal ein Mann, der gung
In eines Flusses Niederung.
Der Tanz der grünlich krausen Wellen
Tat seines Geistes Licht erhellen.

Am Ufer gluckste es so hohl,
Wohl einmal, zwomol, hundertmol;
Und auf des Flusses Busen brannte
Ein Glanz, den jener Mann nicht kannte.

Da dachte jener klug und schlicht:
„Ich weiß nicht, doch da stimmt was nicht
Und guckte ohne auszusetzen
Auf die verwunschnen Wellenfetzen.

Auf einmal gab es einen Ton,
Und aus dem Wasser hob sich schon
Mit infernalischem Geflimmer
Ein blondes, nacktes Frauenzimmer.

Die hatte hinten irgendwo
Den Schwanz, gewachsen am Popo;
Dagegen fehlten ihr die Beine
Das Mädchen hatte eben keine.

Sie steckte sich in ihr Gesicht
Ein Lächeln, das ins Herze sticht
Und stützte lockend ihre Hände
Auf ihres Schwanzes Silberlende.

Dem Mann am Ufer wurde schwach;
Er dachte: „Oh“, und dachte: „Ach!“
Und ohne groß sich zu bedenken,
Wollt er ihr seine Liebe schenken.

Dem Mädchen in der Niederung
War seine Liebe nicht genung;
Sie winkte, statt sich zu erbarmen,
Dem Mann mit ihren beiden Armen.

Da bebberte der arme Mann,
Wie nur ein Starker bebbern kann;
Und senkte sich mit einem Sprung
Hinunter in die Niederung.

Da sitzt er nun und hat den Arm
Gebogen um der Nixe Charme;
Und wenn ein anderer kommt gegangen,
So wird er ebenso gefangen.

© WS 2018

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