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Wolfgang Sofsky
J.W.v.Goethe: Der Fischer

1779 nahm J.G.Herder Goethes Ballade vom „Fischer“ in die „Volkslieder nebst untermischten anderen Stücken“ auf. Das Poem erzählt von einem, der sich in das Netz der Verführung verspricht, so daß es ihn zuletzt in den Abgrund zieht. Eckermann berichtet späterhin, der Dichter habe, womöglich ihn Vorahnung puritanischer Bestrebungen 240 Jahre später, den Sinn der Sache stark heruntergespielt: „Es ist ja in dieser Ballade bloß das Gefühl des Wassers ausgedrückt, das Anmutige, was uns im Sommer lockt, uns zu baden; weiter liegt nichts darin.“ Nur hintersinnige Geister, die um der Nixen und Undinen Treiben wissen, dürften in der Vereinigung mit dem Element Wasser eine Anspielung auf weibliche Verführung, auf das Spiel von Sehnsucht und Erfüllung, Eros und Tod, von Hingabe und Selbstauflösung erkennen. Die naturdämonische Bedeutung war einem Geistergelehrten wie Goethe natürlich geläufig. Nicht umsonst placierte er die Verse vom Fischer in späteren Ausgaben neben dem „Erlkönig“.

Der Fischer

Das Wasser rauscht’, das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach dem Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor;
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
„Was lockst du meine Brut
Mit Menschenwitz und Menschenlist
Hinauf in Todesglut?
Ach, wüsstest du, wie’s Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist,
Und würdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
Nicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht,
Das feucht verklärte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
Nicht her in ewgen Tau?“

Das Wasser rauscht’, das Wasser schwoll,
Netzt’ ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll,
Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da war’s um ihn geschehn:
Halb zog sie ihn, halb sank er hin,
Und ward nicht mehr gesehn.

© WS 2018