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Wolfgang Sofsky
W.G.Sebald über Pisanello

Auf seinen Reisen durch die Geschichten, Träume, Erinnerungen, Ahnungen und Phantasien suchte W.G.Sebald nach einem Besuch in Wien und Venedig, auch einmal Verona auf, um einem seiner Lieblingsmaler Pisanello zu begegnen: „Die Bilder Pisanellos haben mir vor Jahren schon den Wunsch erweckt, alles aufgeben zu können außer dem Schauen. Nicht allein die für die damalige Zeit ungeheuer hoch entwickelte Realismuskunst Pisanellos ist es, die mich anzieht, sondern die Art, wie es ihm gelingt, diese Kunst in einer mit der realistischen Malweise eigentlich unvereinbaren Fläche aufgehen zu lassen, in der allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen wird.“

Man könnte, wie es John Burnside getan hat, in dieser Passage aus „All´Estero“, dem zweiten Stück in „Schwindel, Gefühle“, eine Selbstbeschreibung von Sebalds eigener Schreibweise und Ästhetik herauslesen: jede Einzelheit sei von Bedeutung, im Schreiben und Lesen fülle sich allmählich die leere Welt, nach und nach träten die Dinge zueinander in Beziehung, erfüllten einander mit Sinn und lösten das Rätsel. Doch sind Pisanellos Werke ebensowenig realistisch wie Sebalds Prosa des Imaginären. Die Liebe des Künstlers zu tausenden Details unterliegt dem Rhythmus anmutiger Linien; die Finesse des Strichs geht einher mit der Illumination der Miniatur, und geflügelte Ungeheuer, die von heiligen Rittern zur Strecke gebracht werden, sind in keiner Wirklichkeit jemals aufgetaucht. In Verona verfolgen zwei junge Männer den Dichter, die ihm schon in Venedig mehrfach über den Weg gelaufen sind, die aber ebenso einer Erzählung Kafkas entstammen könnten. Die alte, kummervolle Mesnerin der Chiesa Sant´Anastasia, in der er Pisanellos Fresko vom Aufbruch des Heiligen Georg betrachten wird, verschwindet hinter einer Bretterwand, hinter der sich ihr Aufenthaltsraum, wenn nicht gar ihre Wohnung verbirgt. „Während der Zeit, in der ich das Fresco betrachtete, kam sie, mit einer Regelmäßigkeit, als hätte sie den ewigen Umgang, mehrmals hervor und entfernte sich ein Stück weit ins Dunkel hinein, um bald darauf, auf ihrer Umlaufbahn zurückkehrend, ihr Gehäuse wieder aufzusuchen.“

Kaum ein Lichtstrahl durchdringt das Dämmerlicht im Heiligtum. Wirft man jedoch eine Tausend-Lire-Münze in einen Blechkasten, wird das Fresco kurzzeitig beleuchtet. Nach und nach erkennt der Besucher die Einzelheiten: die Knochen der Drachenopfer, ein Schiff mit geschwelltem Segel, Hecken und Hügel, Türme und Zinnen, zwei Gehenkte am Galgen, Gebüsch und Gesträuch, Hunde, Reiter, darunter ein fremder Tartar, in der Mitte die Prinzessin im Federkleid, das abgeblätterte Silber der Ritterrüstung. „Zum Erstaunen ist es, wie es Pisanello verstanden hat, den jäh heraustretenden, seitwärts schon auf die schwere blutige Arbeit abschweifenden männlichen Blick des Ritters abzusetzen von der nur durch die geringfügigste Senkung der unteren Lidgrenze angedeuteten Beschlossenheit des weiblichen Auges.

Beigefügt sind dem Text Abbildungen des Frescos, vor allem der Augenpartien des Heiligen Georg und der, dem Drachen ausgelieferten Principessa. Die Blicke der Figuren erhellen die Düsternis der Szene und die Dunkelheit des Textes. Erst wenn der Blick das Dämmerlicht, die Nebel und Schleier durchdrungen hat, zeichnen sich im trüben Licht des Vergessens, der Verblendung und Verleugnung klare Konturen und Bilder ab. Zwei Details läßt Sebald indes unerwähnt. Ganz auf die Ästhetik des Auges, der Aufhellung, Aufklärung und Illumination fixiert, entgeht ihm nicht nur der verzerrende Silberblick, sondern auch der Mund des tapferen Ritters. Die verkürzte Oberlippe läßt die Zähne und Zahnlücken deutlich hervortreten, ein hübscher Jüngling ist er – trotz der üppigen, engelsgleichen Lockenpracht – nicht gerade, und vor der rettenden Tat scheinen ihm Erschöpfung und Widerwille bereits ins Gesicht geschrieben.

© WS 2018

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