Schlagwörter

, , ,

Wolfgang Sofsky
Max Stirner: Gott außer uns, in uns? – Nichts da!!!

Es gibt eine Tradition der halbherzigen Religionskritik. Die verdruckste Aufklärung, vornehmlich in Deutschland, mied den Vorwurf des Atheismus und begnügte sich mit deistischer Allgemeinheit oder skeptischem Agnostizismus. Auch unter Posthegelianern setzte sich diese Kritik mit angezogener Handbremse fort. So konnte Ludwig Feuerbach problemlos in die theologische Apologetik eingemeindet werden. Wenn Gott nur eine Art Exkorporation des Menschen ist, dann ist die Inkorporation Gottes ein willkommener Rückweg, bei dem Mensch und Gott letztlich eins werden, weil der göttliche Geist im Menschen west und der menschliche im inneren Gott. Einer der wenigen, dem diese fadenscheinige Religionskritik nicht entgangen ist, war Johann Caspar Schmidt, der übrigens auch Adam Smiths „Wealth of Nations“ ins Deutsche übersetzte, sonst aber unter dem Namen „Max Stirner“ bekannt, berüchtigt und vergessen wurde. In seinem Hauptwerk „Der Einzige und sein Eigentum“ (1844, cp. „Der Geist“) findet sich eine radikale Kritik an Ludwig Feuerbachs Religionskritik, die jener i.ü. durchaus zu schätzen wußte:

„Daraus geht aber auch hervor, wie durchaus theologisch, d. h. gottesgelahrt, die Befreiung ist, welche Feuerbach Uns zu geben sich bemüht. Er sagt nämlich, Wir hätten Unser eigenes Wesen nur verkannt und darum es im Jenseits gesucht, jetzt aber, da Wir einsähen, daß Gott nur Unser menschliches Wesen sei, müßten Wir es wieder als das Unsere anerkennen und aus dem Jenseits in das Diesseits zurückversetzen. Den Gott, der Geist ist, nennt Feuerbach »Unser Wesen«. Können Wir Uns das gefallen lassen, daß »Unser Wesen« zu Uns in einen Gegensatz gebracht, daß Wir in ein wesentliches und ein unwesentliches Ich zerspalten werden? Rücken Wir damit nicht wieder in das traurige Elend zurück, aus Uns selbst Uns verbannt zu sehen?

Was gewinnen Wir denn, wenn Wir das Göttliche außer Uns zur Abwechselung einmal in Uns verlegen? Sind Wir das, was in Uns ist? So wenig als Wir das sind, was außer Uns ist. Ich bin so wenig mein Herz, als Ich meine Herzgeliebte, dieses mein »anderes Ich« bin. Gerade weil Wir nicht der Geist sind, der in Uns wohnt, gerade darum mußten Wir ihn außer Uns versetzen: er war nicht Wir, fiel nicht mit Uns in Eins zusammen, und darum konnten Wir ihn nicht anders existierend denken als außer Uns, jenseits von Uns, im Jenseits.

Mit der Kraft der Verzweiflung greift Feuerbach nach dem gesamten Inhalt des Christentums, nicht, um ihn wegzuwerfen, nein, um ihn an sich zu reißen, um ihn, den langersehnten, immer ferngebliebenen, mit einer letzten Anstrengung aus seinem Himmel zu ziehen und auf ewig bei sich zu behalten. Ist das nicht ein Griff der letzten Verzweiflung, ein Griff auf Leben und Tod, und ist es nicht zugleich die christliche Sehnsucht und Begierde nach dem Jenseits? Der Heros will nicht in das Jenseits eingehen, sondern das Jenseits an sich heranziehen, und zwingen, daß es zum Diesseits werde! Und schreit seitdem nicht alle Welt, mit mehr oder weniger Bewußtsein, auf’s »Diesseits« komme es an, und der Himmel müsse auf die Erde kommen und schon hier erlebt werden?

Stellen Wir in Kürze die theologische Ansicht Feuerbachs und Unsern Widerspruch einander gegenüber! »Das Wesen des Menschen ist des Menschen höchstes Wesen; das höchste Wesen wird nun zwar von der Religion Gott genannt und als ein gegenständliches Wesen betrachtet, in Wahrheit aber ist es nur des Menschen eigenes Wesen, und deshalb ist der Wendepunkt der Weltgeschichte der, daß fortan dem Menschen nicht mehr Gott als Gott, sondern der Mensch als Gott erscheinen soll.«

Wir erwidern hierauf: »Das höchste Wesen ist allerdings das Wesen des Menschen, aber eben weil es sein Wesen und nicht er selbst ist, so bleibt es sich ganz gleich, ob Wir es außer ihm sehen und als „Gott« anschauen, oder in ihm finden und »Wesen des Menschen« oder »der Mensch« nennen. Ich bin weder Gott, noch der Mensch, weder das höchste Wesen, noch Mein Wesen, und darum ist’s in der Hauptsache einerlei, ob Ich das Wesen in Mir oder außer Mir denke. Ja Wir denken auch wirklich immer das höchste Wesen in beiderlei Jenseitigkeit, in der innerlichen und äußerlichen, zugleich: denn der »Geist Gottes« ist nach christlicher Anschauung auch »Unser Geist« und »wohnet in Uns«. Er wohnt im Himmel und wohnt in Uns; Wir armen Dinger sind eben nur seine »Wohnung«, und wenn Feuerbach noch die himmlische Wohnung desselben zerstört, und ihn nötigt, mit Sack und Pack zu Uns zu ziehen, so werden Wir, sein irdisches Logis, sehr überfüllt werden.“

© WS 2018

Werbeanzeigen