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Wolfgang Sofsky
Masaccio: Schattenheilung

Manche Krankheiten werden geheilt durch Worte oder Blicke, andere durch Berührung, durch das Auflegen der Hand. Zu den wundersamsten Heilungen jedoch zählt die Kur durch den Schatten. Im Vorübergehen, geradezu beiläufig, heilt der heilige Schatten die Lahmen und Kranken am Wegesrand. Viele Zeichen und Wunder geschehen, und so tragen die Menschen ihre Kranken aus den Häusern, heraus auf die Straßen und Gassen und legen sie auf die Betten und Bahren, damit, falls Petrus vorbeikommt, sein Schatten die Schatten der Kranken überschattet. Eine kurze, unmerkliche Abdunklung der Welt, und die Gebrechen haben sich verflüchtigt. Doch nur wenn Licht den Weg erhellt und die Siechen sich schon auf der beleuchteten Seite des Lebens befinden, vermag der Schatten des Heiligen seine heilsame Kraft zu entfalten.

Masaccio, der „plumpe Thomas“, der kolossale Meister gemalter Körperlichkeit, hat die Szene aus der Apostelgeschichte (5,15) in der Brancacci-Kapelle der Florentiner Kirche Santa Maria del Carmine dargestellt. Das Bild gehört zum Freskenzyklus mit Szenen aus der Genesis und dem Leben Petri. Untrüglich ist der Blick des Malers für die dritte Dimension, für Pespektive und Proportion, für die Gegenwart lebendiger Körper und ihr Dasein im Raum. Seine Kunst der Verkürzung, des Lichts und der Körper setzte Maßstäbe für die Malerei der frühen Renaissance. Plastizität und Relief erlangen die Figuren nicht zuletzt durch die Schatten, die sie werfen. Die Schatten erobern den Boden, die Wände, überdecken andere Personen und stellen sie in den Schatten. Eine Gestalt ohne Schatten ist klar umrissen und begrenzt. Der Schatten jedoch, der sie begleitet, vergrößert sie. Was der goldene Schein des Heiligen in der Vertikalen, das vollbringt der graue Schatten in der Horizontalen. Er weitet die Figur im Raum. Masaccios Schatten sind zwar diskret, hell, oft nur angedeutet. Doch sie sind da, von nun an verschwinden sie nicht mehr aus der Bildwelt. Sie folgen den Siechen und den Heilen. Und sie schenken den Figuren das Leben, unbemerkt von dem Greis, dem alten Apostel, der geradewegs weitergeht, begleitet von Donatello und dem jugendlichen Maler, und allen, denen er begegnet, seinen Schatten spendet.

© W.Sofsky 2018

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