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Wolfgang Sofsky
Heimat. Eine unpolitische Betrachtung

Das Wort „Heimat“ ist zum Kampfbegriff verkommen. Einige sehen sie bedroht, durch die Zerstörung der Landschaft, den Ruin der Sprache, die Massenzuwanderung von Fremden. Andere wittern bei dem Wort reaktionäre Bestrebungen und inkorrekte Gedanken, warnen vor der Wiederkehr chauvinistischer Parolen und nationaler Sonderwege. Es ist daher nützlich, sich abseits der Scharmützel um die Heimatfront dessen zu vergewissern, was es mit der Heimat auf sich hat.

Heimat ist, wovon der Mensch ausgeht und wohin er zurückkehrt. Wiege und Bahre stehen in der Heimat. Auch in Zeiten globaler Migration ist Heimat nicht antiquiert. Die Unzahl Heimatloser bestätigt nur deren Bedeutung. Für viele Menschen ist die Heimat der Anfangs- und Endpunkt ihres Lebens, nicht selten auch der Haltepunkt, wo sie bleiben oder den sie immer wieder aufsuchen. Immer jedoch ist Heimat der Nullpunkt, von dem aus die Koordinaten hinaus in die Welt weisen. Heimat ist mehr als ein Fleck auf der Oberfläche des Globus. Wo jemand zufällig ist, da ist der Ort seines Aufenthalts. Wo er eine Zeitlang ausharrt, da hat er seinen Wohnsitz. Doch woher er kommt und wohin es ihn zurückzieht, da ist seine Heimat….

Der Essay ist zu lesen in: Chaussee. Zeitschrift für Literaur und Kultur der Pfalz 42/2018.: https://www.bv-pfalz.de/produkt/chaussee-heft-42-heimat/

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