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Wolfgang Sofsky
Die Troglodyten

Über den Wohnort der Troglodyten kursieren nur Vermutungen. Manche glauben, sie hausten in Höhlen an der Küste des Roten Meers, andere folgen der Meinung des Artemidor von Ephesos, der sie für Wüstennomaden hielt, für die Vorfahren der Tubu in der zentralen Sahara. Dritte wiederum halten sich lieber an Herodot, der im vierten Buch der Historien von einem Volk im Süden des antiken Lybien berichtet, das Schlangen und Echsen zu verzehren und wie Fledermäuse zu sprechen pflegte.

Jorge Luis Borges hielt sie für das Volk der Unsterblichen, grauhäutig, bartstruppig und von unermeßlicher Duldsamkeit. Sie waren zu vollkommener Ruhe imstande, da sich auf lange, ewige Sicht Geist und Torheit, Gut und Böse stets ausgleichen. Einer soll sogar nie aufgestanden sein. Ein Vogel nistete auf seiner Brust. Die Unsterblichen erregten sich – über nichts. Und dies bewahrte sie auch vor den Torheiten des Mitleids. „Ich habe“, berichtet Borges, „die alten Steinbrüche erwähnt, die die Felder am anderen Ufer durchzogen; ein Mann stürzte in den tiefsten; er konnte sich weder verletzen noch sterben, doch verbrannte ihn der Durst; bevor sie ihm einen Strick zuwarfen, vergingen siebzig Jahre. Ebensowenig kümmerte sie das eigene Geschick.“ Versehen mit dem Fluch der Unsterblichkeit verliert sich das Interesse an der Welt und an sich selbst: „Der Leib war für sie ein unterwürfiges Haustier, für welches das monatliche Almosen von ein paar Stunden Schlaf, einem Schluck Wasser und einem Fetzen Fleisch ausreichte.“ Die Unsterblichen kennen den Tod nicht, und daher ist die Unsterblichkeit für sie ohne Bedeutung.

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