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Wolfgang Sofsky
Monsù Desiderio: Architektur und Phantasie

Anfang des 17.Jahrhunderts lebten in Neapel zwei Maler, die aus dem lothringischen Metz stammten. Ob sie sich ein Atelier geteilt haben, ist ungewiß. Ebenso zweifelhaft ist, ob sie gemeinsam unter dem fiktiven Namen Monsù Desiderio Bilder vertrieben haben. Kaufverträge und Signaturen verzeichnen jeweils die natürlichen Namen: Didier Barra und Francois de Nomé. Ungewiß ist obendrein, ob noch ein dritter, namenlos gebliebener Maler Bilder hinterlassen hat, die gemeinhin Monsù zugerechnet werden.

Die Bilder zeigen vornehmlich nächtliche Szenen, Traumlandschaften, irreale Ruinen mit  überlebensgroßen Skulpturen, hohe Kirchenräume, einstürzende Gebäude. Kleine, oft winzige Figuren bevölkern die Szenerien, die Bildtitel spielen manchmal auf biblische oder mythologische Begebenheiten an, doch die Architektur ist eine Ausgeburt der Phantasie ebenso wie die  Zerstörungen der Tempel oder Paläste. Vermutlich sind einige Bilder von den antiken Ruinen Roms inspiriert, brennende Gebäude finden sich schon bei Altdorfer oder Battista Dossi.

An den Bildnissen Monsùs lassen sich einige Merkmale architektonischer Phantastik erkennen: Da ist die Steigerung ins Gigantische, angesichts dessen die menschlichen Figuren oft winzig und skizzenhaft erscheinen. Die Phantasie überspringt die gewohnten Dimensionen, ins Große wie ins Kleine, und sprengt dadurch die gewohnten Proportionen. Da ist zweitens eine Mixtur der Stile, eine freie Kombination vorhandener, überlieferter Möglichkeiten. Gotische Gewölbe, romanische Arkaden, Portiken aus der Renaissance, russische Zwiebeltürme, dorische Säulen, indisches Filigran, all dies ist nahtlos nebeneinander gesetzt. Da ist drittens die Emanzipation von Zweck und Funktion. Wozu die Gebäude letztlich dienten, ob sie überhaupt zu etwas dienen, läßt sich oft nicht entscheiden. Die Phantasie ignoriert die Kriterien von Sinn und Zweck. Und daher ist viertens oft nicht erkennbar, welche Ordnung des Raums sich hinter der Fassade verbirgt, ob diese gemalte Architektur überhaupt nur aus Fassade besteht. Aber neben der reichlich dekorierten Front gibt es auch ziellose Raumfluchten, beschleunigte Perspektiven, geborstene Räume. Die Führung des Lichts ist fünftens hochdramatisch; Finsternis und Feuerschein, Schatten und grelle Spots sind direkt nebeneinander gesetzt, um starke Kontraste zu erzielen. An anderen Partien sind Weiß und Schwarz subtil nuanciert, um eine Atmosphäre der Unbestimmheit zu erreichen. Doch ist sechstens die Herkunft des Lichts ebenso ungewiß wie die Ursache der Destruktion. Kuppeln zerspringen, Mauern werden porös, Statuen, Türme, Säulen werfen sich zu Boden, als liege die Ursache des Chaos, des Endes in den Dingen selbst. Auch wo eine unerhörte Begebenheit wie der Untergang Trojas, der Insel Atlantis, Georgs Drachenkampf oder das Martyrium eines Heiligen dargestellt ist, erläutert dies nicht das Schicksal der autonomen Architektur. Sie ist kein Symbol und keine Wirkung der menschlichen Angelegenheiten. Das Potential der Eruption liegt im Steinwerk selbst.

Manche Stilelemente findet man in anderen Werken des Manierismus oder Frühbarock. Doch diese Parallelen ändern nichts an der hypnotischen Irritation dieser Bildnisse. Man hat sie als halluzinatorische Traumvisionen bezeichnet. Die Surrealisten des 20. Jahrhunderts feierten Monsù als einen ihrer Vorläufer, und den willkürlichen Stilmix kennt man aus dem Historismus oder der Postmoderne. All dies ist hier nicht entscheidend. Das Studium der Methoden der Phantasie findet in den Bildwerken Monsùs eine Reihe von Exempla.

© WS 2018

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