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Wolfgang Sofsky
Poli: Ruinenwachstum

Im Museé des Beaux-Arts in Nancy sind mehrere Ruinenphantasien von Gherardo Poli (1676-1746) zu besichtigen. Man könnte sie für Bühnendekorationen halten, aber auch hier sind – wie bei Monsù, die Menschen winzig, kleiner als die gut drei Mal so hohen Statuen. Auch wenn die Figuren in theatralische Gesten und Posen verfallen, die wahre Attraktion ist die Ruinenarchitektur. Das Gewölbe erinnert an ein Kirchenschiff, doch die Sensation sind die Pflanzen, die aus ihm herauswachsen. Es ist, als wucherten die Sträucher und Bäume aus den Säulen und Pilastern empor. Das Dach der Zweige und Blätter ersetzt das eingefallene Kirchendach. Die Kathedrale als sakrales Bauwerk strebt gen Himmel, doch es ist die Natur, welche diese Intention fortsetzt. Es ist nicht so, daß das Organische das verfallene Gemäuer überwuchert und schließlich überdeckt, es setzt das Anorganische fort, es entspringt nicht der Erde, sondern dem Bauwerk selbst. Die Transformation von Kultur in Natur ist, ganz allgemein geredet, vielleicht ein Verfahren der Phantasie im Bereich der Architektur. Es gibt Bauwerke, welche das natürliche Wachstum imitieren, doch hier geht aus dem Stein das Wachstum hervor. Die Ruine fällt nicht in sich zusammen, sie wächst weiter.

© WS 2019

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