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Wolfgang Sofsky
Thomas de Quincey: Piranesis Treppenflucht

In seinen „Bekenntnissen eines englischen Opiumessers“ (1821) berichtet Thomas de Quincey, wie sein Reise- und Traumgefährte Samuel Taylor Coleridge eine Architekturphantasie von Giovanni Battista Piranesi schildert, die keineswegs einem Fieberdelirium oder Opiumrausch entsprungen ist: Treppen, die nirgendwohin führen, ein unendlicher Kerker, Maschinen, deren übler Sinn nur zu ahnen ist:

Als ich mir vor vielen Jahren Piranesis „Römische Antike“ ansah, stand Coleridge dabei und beschrieb mir eine Reihe von Stichen dieses Künstlers, die seine „Träume“ genannt wurden und die die Szenerie seiner Visionen während eines Fieberwahns wiedergaben. Einige von ihnen (ich beschreibe sie lediglich aus der Erinnerung an Coleridges Bericht) zeigten riesige gotische Hallen, auf deren Boden mächtige Maschinen und Geräte, Räder, Seile, Schleudern und so weiter standen, eine ungeheure Kraft ausdrückend, die sie freigesetzt, oder einen riesigen Widerstand, den sie überwunden haben. An der Seite der Mauern sah man eine Treppe sich hinaufwinden, und diese Treppe schritt Piranesi persönlich empor. Folge der Treppe ein Stück weiter, und du bemerkst, daß sie ein plötzliches Ende erreicht, ohne irgendein Geländer, und keinen Schritt dem erlaubt, der das äußerste Ende erreichen sollte, es sei denn hinunter in die Tiefe. Was auch immer mit dem armen Piranesi werden sollte, zumindest war zu vermuten, daß seine Mühen in irgendeiner Weise zu Ende gehen würden. Doch erhebe deinen Blick und erblicke weiter oben noch eine Treppe, auf der wieder Piranesi zu sehen ist, der diesmal unmittelbar am Rande des Abgrundes steht. Erhebe abermals deinen Blick und entdecke eine noch luftigere Treppe, und wieder befindet sich dort der phantasierende Piranesi, mit seiner hochstrebenden Arbeit beschäftigt; und so geht es immer weiter, bis sich sowohl die unendlichen Treppen als auch der hoffnungslose Piranesi in der oberen Düsternis der Halle verlieren. Mit derselben Kraft endlosen Wachstums und ständiger Selbstreproduktion schritt meine Architektur der Träume voran. In dem frühen Stadium der Krankheit lag der Glanz meiner Träume vorwiegend auf architektonischem Gebiet; ich erblickte solchen Glanz von Städten und Palästen, wie er von dem wachen Auge noch nie geschaut wurde, es sei denn in den Wolken.“

© WS 2019

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