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Wolfgang Sofsky
Kant: Über die Phantasie

In Kants handschriftlichem Nachlaß zur Anthropologie finden sich neben losen Blättern auch Entwürfe zu einem Kolleg zur Anthropologie, die in den 1770er und 80er Jahren entstanden sind. Darunter geben einige Blätter Auskunft über die Natur der Phantasie und ihre soziale Reichweite. Manche sozialen Beziehungen, wie z.B. die Liebe, leben allein von Phantasie. Und noch angesichts des Todes ist naturgemäß mancherlei Phantasie im Spiel, von Religion und Politik gar nicht zu reden.

Einbildungskraft ist die Dienerin der anderen Krafte, des Witzes, des Verstandes etc. etc. Es ist eine Art von Sinn, der die Gegenstände nach Belieben herbeizaubern oder verjagen, in Helligkeit setzen und verdunkeln kann. Sie ist die notwendigste aller Erkenntniskräfte nächst den Sinnen, kann aber den Mangel eines derselben nicht ganz ersetzen. (Dichtend oder erinnernd.) Sie ist der Willkür unterworfen.

Phantasie ist unser guter Genius oder Daemon, welcher die Herrschaft unserer Willkür verachtet und sich, ob sie gleich diszipliniert sein möchte, doch oft in Freiheit setzt und mit dem Menschen davonrennt (unserer Willkür zu unterwerfen). Sie ist die Quelle aller unserer entzückendesten Freuden, imgleichen unserer Leiden. Die Liebe lebt bloß durch sie. Die Ehre ist gleichsam ein Luftwesen, was bloß in ihr eine Wirklichkeit hat. Der Geiz dient bloß der Phantasie vom glücklichen Leben, das durch so viel Glücksgüter möglich ist. Die Phantasien erstrecken sich bis zum Grabe hin. Trocken oder luftig zu liegen, auf Grabsteinen gelesen zu werden, erfreut uns, die wir in der Phantasie alsdenn leben und es mit anschauen (volle Zahlen). Wir können ohne sie nicht einsame Stunden verkürzen. Vermittelst ihrer tun wir Reflexionen zur Anthropologie Reisen, regieren Länder etc. etc. Wer sie nicht zu zähmen weiß, ist ein Phantast; bei wem sich die zügellose Phantasie mit Ideen des Guten assoziiert: ein Enthusiast. Bei dem sie regellos ist: ein Träumer, (ist sie zugleich zügellos, überschwenglich), dazu auch der Schwärmer gehört. Die größte Krankheit der Phantasie ist die Regellosigkeit, da sie mit dem Verstande nicht einstimmt und die Stelle seiner Begriffe einnimmt. Daß die göttliche Regierung eine Art von Hofhaltung sei, welche durch Ministers geführt wird und Günstlinge, wo Geschenke und demütige Aufwartungen und Gunstbewerbung mehr als der gute Lebenswandel ausrichten, ist ein betrügliches Bild der Phantasie, welches den Verstandesbegriff von Religion verdrängt. Die Vernunft muß herrschen und die Einbildungskraft ohne Phantasie ihr zu Diensten sein.

© WS 2019

 

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