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Wolfgang Sofsky
Claude Lévi-Strauss: Vom Wert der Überlieferung

Am 2.10.1997 schreibt Claude Lévi-Strauss, damals 89jährig, an Isac Chiva, den langjährigen Subdirektor und „Premierminister“ des Laboratoire d´anthopologie sociale, der im November 1947 zusammen mit Serge Moscovici und Paul Celan zu Fuß von Bukarest über Budapest und Wien nach Paris geflüchtet war, wo sie gemeinsam beschlossen, nie mehr Rumänisch zu sprechen: „Wenn wir uns die Mühe machten, unsere Kenntnis unserer großen Vorgänger zu vertiefen, würden wir kaum noch schreiben. Denn wir tun nichts anderes als wiederzuentdecken, was sie vor uns gesagt haben.“

Anders gesagt: Je weniger wir von unseren Vorgängern wissen, desto geschwätziger sind wir. Je ungebildeter, desto mehr Palaver. So tun wir gut daran, die Vorgänger oftmals selbst sprechen zu lassen.

Schon 1988 hatte der 80jährige Anthropologe im Gespräch mit Didier Eribon („Das Nahe und das Ferne“) bemerkt: „Die Gesellschaften haben Bestand, weil sie in der Lage sind, ihre Prinzipien und Werte von einer Generation an die nächste weiterzugeben. Von dem Augenblick an, da sie sich unfähig fühlen, noch irgend etwas weiterzugeben, oder nicht mehr wissen, was weitergeben, und sich auf die nachfolgenden Generationen verlassen, sind sie krank.“   

Mancher Zeitgenosse sieht seine volkspädagogische Aufgabe einzig darin, „Werte“ und Gesinnungen zu vermitteln, ungeachtet der zivilisatorischen Basisfertigkeiten im Lesen, Schreiben, Rechnen, Denken, Zeichnen, Singen. Andere wissen überhaupt nicht, was sie weitergeben sollen, da sie gar nichts weiterzugeben haben. Und Dritte finden sich in einem Milieu wieder, wo fortdauernd erörtert wird, ob man überhaupt etwas weitergeben soll, da diese Weitergabe stets und notwendig mit einem verbindlichen Rahmen verbunden ist, mit Lernen, Wiederholung, vielstündiger Übung, Disziplin, Korrektur, Sorgfalt und Konzentration.

© WS 2019