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Wolfgang Sofsky
Das Feld der Phantasie

Die Zahl der Vorstellungen, Ideen, Motive und Variationen, die sich nicht auf Erfahrung stützen, ist vermutlich unendlich.  In einem weitesten Sinne betrifft die Phantasie alle Vorstellungen von Sachverhalten, die möglich sind. Jede mögliche Welt, die mindestens einen Sachverhalt enthält, der nicht wirklich, also keine Tatsache ist, ist nur in der Vorstellung gegeben. In einem engeren Sinne beziehen sich Phantasien hingegen auf Unmögliches. Diese Charakterisierung ist völlig unabhängig vom Gefühlswert oder der ästhetischen Wirkung. Ob das Phantastische unheimlich, irrtierend, ängstigend oder erfreulich, erquickend, geradezu „phantastisch“ ist, ob es die Ordnung des Gewohnten unterminiert, zersprengt oder bestätigt, all dies ist eine zweite Frage. Die Vorstellung von Einhörnern ängstigt niemanden, und die Christen fühlen sich gar in ihrem Jesusglauben bestärkt. Dennoch ist es eine Phantasie. Umgekehrt ist die Entdeckung zahnbewehrter Raubfische in der Tiefsee schon deswegen irritierend, weil man diese real existierenden Tiere zuvor nur auf Bildern des späten Mittelalters gesehen zu haben glaubt, ohne daß ein Künstler damals diese Tiere zu Gesicht bekommen konnte. Die Phantasie kann etwas vorstellen, was sich erst später als wirklich erweisen wird, und zwar nicht, weil es durch praktisches Handeln hergestellt wurde, sondern weil es immer schon da, aber noch nicht entdeckt war.

Wie die Phantasie arbeitet, ist keineswegs klar. Die Erfahrungserkenntnis stützt sich bekanntlich auf eine begrenzte Zahl kognitiver Schemata und Muster. Das Feld der Wahrnehmung ist – phänomenologisch gesprochen – gegliedert in ein thematisches Zentrum, einen Fokus der Aufmerksamkeit, einen Horizont von Mitgegebenheiten epistemischer, assoziativer oder affektiver Art, schließlich umschlossen von einem Ignoranzbereich, der alles umfaßt, was beiseite geschoben, übersehen, ignoriert wird. Wie verhält es sich mit dem „Bewußtseinsfeld“ der Phantasie, zumal dem Feld unbewußter Phantasien, und welche Operationen sind hier wirksam? Vielleicht umfaßt das Vermögen der Imagination auch eine limitierte Zahl von Operationen, der Kombinatorik, der Verdichtung, Verschiebung, Umkehrung, Augmentation, Verkleinerung, Verknüpfung, der Transformation etc.

© WS 2019