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Wolfgang Sofsky
James Joyce: Der Jüngste Tag

Der Jüngste Tag, wenn die Toten von gottgesandten Luftgeistern gerufen, auferstehen und sich aus den Gräbern herausquälen, wird meist aus der Perspektive der Theologen oder anderer visionärer Beobachter geschildert, nie aus aus der Sichtweise der Toten, deren verdiente Ruhe gestört wird und die fürs anstehende Gericht ihre Siebensachen zusammenklauben müssen. Eine Ausnahme bietet James Joyce, der im Hades-Kapitel des „Ulysses“ Leopold Bloom  über die Mißlichkeiten der Auferstehung sinnieren läßt, wenn der Tote nur mehr ein Pennyweigth Staub, d.i. 1,555g Feinstaub im Schädel hat und gar nicht weiß, wo die Leber, die verrostete Pumpe und all der Rest liegen soll.

„- Mr. Kernan sagte mit Feierlichkeit: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Das packt einen doch im innersten Herzen.
– Ja, das packt, sagte Mr. Bloom.
Dein Herz vielleicht, aber was solls dem Burschen in dem sechs Fuß mal zwo da, der die Radieschen von unten besieht? Bei dem gibts nichts mehr zu packen. Sitz der Gemütsbewegungen Gebrochenes Herz. Eine Pumpe doch letzten Endes, die tausende von Gallonen Blut täglich umwälzt. Eines schönen Tages verstopft sie sich, und man ist erledigt. Haufenweise liegen sie hier herum: Lungen, Herzen, Lebern. Alte rostige Pumpen: einen Schmarren was andres. Die Auferstehung und das Leben. Wenn man erst mal tot ist, ist man tot. Dieser Einfall mit dem jüngsten Tag. Die ganze Bagage aus ihren Gräbern trommeln. Lazarus, komm herfür! Und er kam herfünf, und Pustekuchen. Alles aufstehn! Jüngster Tag! jeder grapscht wie wild nach seiner Leber, seinen Glotzern und den restlichen Siebensachen. Dabei findet er doch nischt mehr wieder an dem Morgen. Ein Pennyweight Staub bloß noch im Schädel. Zwölf Gramm ein Pennyweight. Troy-Maß.“

© WS 2019

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