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Wolfgang Sofsky
Thoreau: Über die Regierung

Henry David Thoreau, ein Schüler und Freund Emersons, beginnt 1849 seine berühmte Schrift über den zivilen Ungehorsam mit einem Gedanken über die Notwendigkeit von Regierungen überhaupt. Der Gedanke ist hiezulande, in einem Land der notorisch Staatsgläubigen eher ungewohnt und trifft auf Kopfschütteln, Fäusteschütteln und Rohrstockschütteln. In Anspruch genommen wird Thoreau zu Unrecht von jenen selbsternannten Rebellen, welche die Welt insgesamt oder auch nur die Bewohner Afrikas retten wollen. Sie beabsichtigen das Gegenteil von Thoreau: eine große, allumfassende Weltregierung, in der sie selbst das Sagen haben und für alle Verbote und Gebote vermeintlicher Nächstenliebe verordnen können. Doch das Ziel wahren Ungehorsams ist die Subversion jeden Staates, jeder Herrschaft, auch der Werte- und Gesinnungstyrannei.

„Ich bejahe von Herzen den Wahlspruch:”Die beste Regierung ist die, die am wenigsten regiert.“ Gerne würde ich sehen, daß schneller und gründlicher nach ihm gehandelt wird, denn dies würde schließlich zu etwas führen, das ich ebenfalls glaube: ”Die beste Regierung ist die, die überhaupt nicht regiert“. Sobald die Menschheit dafür bereit ist, wird dies die Regierung sein, die sie hat. Regierungen sind auch im besten Fall nicht mehr als ein Notbehelf, und dabei sind die meistenRegierungen für gewöhnlich unnötig, und alle Regierungen sind es gelegentlich. Die zahlreichen,schwerwiegenden und auch berechtigten Einwände, die gegen eine stehende Armee vorgebracht werden, können ebenso gegen eine ständige Regierung vorgebracht werden. Die stehende Armee ist nur ein Arm der ständigen Regierung. Eine Regierung ist nur die Form, die das Volk gewählt hat, um seinen Willen auszuführen. Aber genau wie die Armee ist sie anfällig dafür, mißbraucht und zweckentfremdet zu werden, bevor das Volk durch sie handeln kann…

Diese amerikanische Regierung – ist sie nicht nur eine Tradition, die versucht, sich unbeeinträchtigt an die kommmenden Generationen weiterzugeben, dabei aber jedes mal ein Stück ihrer Redlichkeit verliert? Sie hat nicht die Dynamik und Kraft eines einzigen Mannes, denn ein einziger Mann kann sie seinem Willen unterwerfen. Sie ist dem Volk ein defektes und unzuverlässiges Werkzeug. Aber sie ist dennoch notwendig, denn das Volk braucht irgendeine komplizierte Maschine und muß ihr Getöse hören, um seine Vorstellung von Regierung zu befriedigen. Regierungen zeigen, wie erfolgreich Menschen eingeschränkt werden können und sich sogar freiwillig Beschränkungen auflegen, wenn es ihrem Vorteil dient. Das ist in der Tat bemerkenswert. Und doch hat diese Regierung aus sich heraus noch nie ein Unternehmen auf eine andere Weise vorangebracht als durch ihre Bereitwilligkeit, ihm aus dem Wege zu treten. Nicht sie wahrt die Freiheit des Landes. Nicht sie besiedelt den Westen. Nicht sie schafft Bildung. Das amerikanische Volk hat alles getan, was erreicht wurde, und es hätte mehr getan, wenn die Regierung ihm nicht hin und wieder imWege gestanden hätte. Denn Regierungen sind Einrichtungen, in deren Gegenwart Menschen dazu neigen, sich voneinander abzuwenden. Und wie gesagt wird: Wenn die Regierung am notwendigsten wäre, sind die Regierten am meisten allein gelassen. Wären Gewerbe und Handel nicht gleichsam aus Gummi, würden sie es nie schaffen, über die Hindernisse zu springen, die die Gesetzesgeber ständig in ihren Weg legen. Wenn die Regierenden nur nach den Folgen ihres Tuns gerichtet werden sollten und nicht auch nach ihren guten Absichten, müßten sie zusammen mit den übel gesonnenen Menschen eingereiht und bestraft werden, die Blockaden auf den Schienen errichten.“

© WS 2019